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Cinematz / Film & TV

Der Wahnsinn in der Methode?


Psychologie schadet der Kreativität

Im Vorwort zu Don Richardsons Buch Acting Without Agony ("Schauspielkunst ohne Qual") berichtet Helen Hayes, die First Lady des amerikanischen Theaters, viele Schauspieler und Schauspielerinnen hätten sich von der Psychiatrie und Lehrstätten wie dem Actors Studio in New York angezogen gefühlt, weil sie in ihrem Beruf gewöhnlich enorm unter Druck standen:
"Die Rolle eines Theaterstars war seinerzeit mit ebenso schwerer Verantwortung beladen wie die eines Armeegenerals oder Schiffskapitäns. Wir waren verantwortlich für das gegenwärtige und künftige Wohlergehen aller Betroffenen des Autors, der Schauspieler, der Bühnenarbeiter, selbst der Investoren -, die Herz und Seele des Theaters ausmachten. Diese ungeheure Bürde machte uns auf unterschiedliche Weise zu schaffen. Manche begannen zu trinken, andere wandten sich an Psychiater, und wieder andere, wie ich, suchten Hilfe auf Kursen über alles, was die Beherrschung der Schauspielkunst vertiefen und möglicherweise helfen könnte, Selbstvertrauen aufzubauen und die Anspannung zu vermindern."
Robert H. Hetman schreibt in seinem Buch Strasberg at the Actors Studio: "Es kommt gelegentlich vor, dass ein Schauspieler genau weiß, was er zu tun hat, es aber nicht tun kann. Manchmal weiß er, dass etwas verkehrt ist, kommt aber nicht drauf, was es ist. Manchmal steht er vor der Aufgabe, sich heute abend um acht Uhr vierzig, wenn der Vorhang aufgeht, frisch und kreativ zu wiederholen und muss feststellen, dass er sich ausgebrannt, eingeschränkt, mechanisch und tot fühlt, ein Bündel von Manieriertheiten und Klischees. Er kann es nicht bringen und weiß doch, dass er es viele Male vorher gebracht hat."
Diese Probleme sind so alt wie der Beruf; viele Schauspieler und Schauspielerinnen haben das gleiche erlebt. Auf der Suche nach einer Lösung wurden verschiedene Mittel entwickelt.
"Method Acting" (methodische Schauspielkunst) heißt eines dieser Mittel, und während die heutigen Method-Acting-Schulen unter der "Method"-Fahne eine Vielfalt verhaltenstheoretisch begründeter psychologischer Techniken praktizieren, geht doch der historische und technische Ursprung dieses Ansatzes auf das späte 19. Jahrhundert zurück: nämlich auf den französischen Psychologen Théodule Ribot (1839-1916).
Ribot verwarf die spiritualistische Philosophie und verknüpfte die Psychologie mit der Biologie. Seine Theorien ähnelten somit denen des deutschen experimentellen Psychologen Wilhelm Wundt und des russischen Physiologen Iwan Petrowitsch Pawlow oder waren gar darauf gegründet. Der Kerngedanke ist, der Mensch sei ein nach dem Prinzip der Reizreaktion funktionierendes, seelenloses Tier. In der Tat wird Wundt in Ribots Buch über die "heutige deutsche Psychologie" von 1885 gepriesen. Ribot lehrte außerdem seit 1885 experimentelle Psychologie.
Denken Sie mal über einige von Ribots Aussagen nach: "Die neue Psychologie unterscheidet sich von der alten ... in ihrer Verfahrensweise: sie entlehnt so viel wie möglich aus den biologischen Wissenschaften. Wir haben bereits an anderer Stelle die Vorteile ... ,einer Psychologie ohne Seele' zu zeigen versucht."
"Seele, Geist, Vernunft (Verstand) sind Begriffe, die aller wissenschaftlichen Untersuchung vorausgingen und sie erst ermöglichten. Der Fehler der alten Psychologie war, dass sie diese Schöpfungen ... als definitive Wahrheiten akzeptierte."
Der Theaterregisseur und Schauspiellehrer Konstantin Stanislawski, Gründer des Moskauer Künstlertheaters, und später Lee Strasberg in New York übernahmen Ribots Techniken der "affektiven Erinnerung"; daraus entwickelte sich das "Method Acting". Im wesentlichen verlangte diese Methode der Schauspielkunst, dass der Schauspieler sich auf "affektive Erinnerung" oder "emotionale Erinnerung" stützt, um die in einer Szene erforderlichen Emotionen hervorzubringen. Der Autor Harold Clurman berichtet hierüber in seinem Werk The Fervent Years: "Der Schauspieler wurde aufgefordert, sich die Details einesEreignisses aus seiner eigenen Vergangenheit zurückzurufen. Die Erinnerung dieser Details erregte dann im Schauspieler ein Gefühl, das am ursprünglichen Erlebnis beteiligt war, sodass eine ,Stimmung' hervorgerufen wurde."
Das klingt ja harmlos. Aber sehr häufig haben Schauspieler das Geschehnis nicht nur zurückgerufen, sondern wiedererlebt. Sie erinnerten oder erschufen nicht bloß, sondern stürzten kopfüber in irgendein traumatisches Geschehnis ihres Lebens hinein. Zwar können Erinnerungen durch äußere Reize wachgerufen werden: eine Berührung, einen Klang, Geruch oder Anblick, Worte usw.; das bedeutet aber nicht, dass jeder, sobald er in dieser Weise "gereizt" oder "stimuliert" ist, ohne Straßenkarte einfach die Strecke hinabdonnern und dennoch erwarten kann, unversehrt durchs Ziel zu gehen. Und manche Schauspielerinnen wie z. B. Marilyn Monroe durchliefen gleichzeitig eine Psychoanalyse, was eine gefährliche Kombination ist.
Aus den Method-Acting-Schulen sind viele große Künstler hervorgegangen. Doch für andere war dieses Erlebnis ein emotionaler Alptraum. In manch einem angehenden Schauspieler wurde der Wunsch, Theater zu spielen, ausgelöscht, noch bevor er damit begonnen hatte. Nicht weil die Lehrer schlecht oder schädlich waren, sondern weil in die "Methode" eine psychologische Technik eingeflochten war, die das Potenzial besaß, die schöpferische Reise eines Menschen in Wahnsinn zu verwandeln. Ohne es zu wissen, spielten Schauspiellehrer mit ihren Schülern russisches Roulette.
In den heutigen Schulen ist das ursprüngliche Konzept der "Methode" durch anderen psychologisch begründeten Input stark ausgeweitet worden. Eine Schauspielerin berichtete, dass an der angesehenen Zentralschule für Rede- und Schauspielkunst in London, wo sie Anfang der 90er Jahre studierte, behavioristische Techniken verwendet wurden. "Im ersten Semester hielt eine frühere psychiatrische Pflegerin uns Vorträge über Erzählkunst. Die Studenten mussten schreiend durch den Raum rennen, bis sie weinten oder hysterisch wurden - und zwar zu dem Zweck, ihr ,inneres Selbst' freizusetzen. Drei von uns versuchten, den Klassenraum zu verlassen, wurden jedoch informiert, Weggehen sei ,ein Zeichen der Angst davor, wer wir wirklich sind'. Nach der Unterrichtsstunde beobachtete ich, dass sämtliche Studenten (außer denen, die man am Weggehen gehindert hatte) derart verstimmt waren, dass sie an der nächsten Stunde zum Thema Tanz und Dichtung nicht teilnehmen konnten. Das ging eine Woche lang so weiter. In der folgenden Woche mussten wir 'Geschlechtsübungen' machen. Die Männer mussten ,weibliche Gedanken fühlen und denken', die Frauen mussten ,männliche Gedanken fühlen und denken'. Dann aber mussten wir einen Mitstudenten aufs Korn nehmen und ihn beschimpfen, bis er aus der Fassung geriet. Bis zur Erzählkunst sind wir nie gekommen!"
Die Schauspielerin Stella Adler, die bei Strasberg studiert hatte, empfand die affektive Erinnerung als Ansatz zur Schauspielkunst später als eine Enttäuschung und suchte im Juni 1934 in Paris Stanislawski auf, weil sie ihn um Hilfe bitten wollte. Sie erfuhr, dass Stanislawski sich von Ribots Einfluss praktisch ganz abgelöst und die "emotionale Erinnerung" als Grundlage schauspielerischer Darbietungen verworfen hatte.
Lee Strasberg wurde von vielen verehrt. Andere schienen nichts von ihm zu halten. Man sah in ihm entweder den "äußersten Gehirnklempner", oder aber man betrachtete ihn als Genie. Ohne die Ribotschen und Freudschen Theorien hätte er mit der Schauspielmethodik durchaus als Genie in die Theatergeschichte eingehen können. Er wäre auch nicht so scharf kritisiert worden wie beispielsweise von Stella Adler kurz nach seinem Tod im Jahre 1982. "Gestern Abend ist ein Mann des Theaters verstorben", erzählte Stella Adler ihrer Schauspielklasse und bat um einen Augenblick stillen Gedenkens. "Es wird hundert Jahre brauchen", fuhr sie fort, "bevor der Schaden, den dieser Mann der Schauspielkunst zugefügt hat, behoben werden kann." Jedoch nicht Strasbergs Beitrag, sondern der Beitrag Ribots und der Freudschen Psychoanalyse hatte die Gefahr erzeugt, den Verstand, das Individuum, seine Phantasie und seine Kreativität zu zerrütten.