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Textosteron - Denken, Dialoge, Dialektik

In Zeiten des Social Networking sehe ich es jenen Leuten an, die lieber ein Fax schicken oder eine Briefmarke befeuchten.
Medien, in ihre Alltäglichkeit versunken, tauchen bisweilen gerne tief nach Außergewöhnlichem.
In der Liebe wie im täglichen Leben gibt es nur eine Möglichkeit, Enttäuschungen zu vermeiden ~ nie Fragen stellen, auf die
man nicht schon die Antwort weiß.
Weisheit bedeutet, bittere Wahrheit auszuhalten.
Das Problem, ob Denken ohne Sprache möglich sei, ist immer noch umstritten. Dagegen wird die Tatsache, dass Sprache ohne Denken durchaus möglich ist, täglich tausendfach bewiesen.
Es gibt Theorien, die ihre Verbreitung und Beliebtheit dem Umstand verdanken, dass sie die Messlatte nicht höher, sondern tiefer legen. Die Kurzbeinigen jubeln.
Ein schmerzlicher Verlust erzeugt eine Form der Verzückung, bei der in der Fantasie jene Person am gegenwärtigsten ist, welche in der Realität fehlt.
Der kleine Makel ist etwas Wundervolles: Er formt aus Zuneigung und Liebe eine einzigartige Süßigkeit ohne Bitternis und befreit von der wahnwitzigen Illusion der Perfektion.
Der Albtraum der Selbsterkennung fängt immer mit dem Aufwachen
aus der Selbstüberschätzung an.
Jede Ära hat ihre eigene Fata Morgana; unsere ist die Illusion der unbegrenzten Möglichkeiten.
"Argumente" heißen die schärfsten Spitzen jener Eisberge, die aus tiefgefrorenen Gefühlen bestehen.
Aus der (n)e(u)rotischen Terminologie einer heutigen deutschen Grammatik: Nachstellung, Umklammerung, Kontaktstellung, Spreizstellung, emphatische Gliedstellung, Beifügung, Einschub, Figuren, Klimax, Abbruch, Ausklammerung, Wiederholung...
"Bei uns läuft viel in Teamarbeit", verkündet der Chef. "Haben Sie darin Erfahrung?" "O ja", sagt die Neue. "Ich war immer gern intim."
Bekanntlich bewies Descartes seine Existenz durch den berühmten Satz: "Ich denke, also bin ich." Es ist weniger bekannt, dass er anschließend die Nichtexistenz von Madame Descartes deduzieren musste: "Sie denkt nicht, also ist sie nicht." Konsequenterweise kroch er zum Dienstmädchen ("Hélène") ins Bett.
Cogito ergo sum auf Deutsch? "Die Selbstreflexion des Subjekts erzeugt denknotwendig die mentale Präsenz der Existenzgewissheit des mit sich selbst identischen Subjekts."
Der Redakteur bezeichnete seine Freundin als Wochenendbeilage: Hochglanz, anregend, unverbindlich.
Der Vamp. Die Frau. Das Weib: Die deutsche Sprache verhindert mit ihren willkürlichen Genusartikeln, dass die Allmacht der Geschlechtlichkeit im Bewusstsein Fuß fasst. Ein neurotisches Ablenkungsmanöver.
Der Dank ist zwar nur ein schmales Zahlungsmittel, gehört aber zu meinen liebsten Schulden, die ich demütig abtrage.
Da er sich nach jahrelanger Forschung und Lehre nur noch in seinem Fachjargon fließend ausdrücken konnte, sah er sich gezwungen, für seine Alltagsgespräche einen Kommunikationsexperten zu Rate zu ziehen.
Der Dümmere leidet, wenn er Klügeren nachgeordnet wird. Der Klügere leidet, wenn ihm Dümmere vorgesetzt werden.
Gerade durch ihre Falschheit zwingt uns die Lüge, nach der Wahrheit zu suchen.
Die Jugend ist ein schlechter Verteidiger, scharfer Ankläger und unerbittlicher Richter. Nach den üblichen Jugendsünden verschiebt sich mit dem Älterwerden die Begabung immer mehr zu Gunsten der Verteidigung.
Die systematische Unterscheidung zwischen "anscheinend" und "scheinbar" ist oftmals eine ärgerliche Einmischung in das Innere anderer Menschen. Man behauptet, durch die Maske des Scheins hindurchblicken zu können: Nur "scheinbar" habe jemand seinen Plan aufgegeben, in Wirklichkeit - also im Inneren - jedoch nicht. Durch das Wörtchen "scheinbar" maßt man sich gottähnliche, geheimdienstliche Fähigkeiten an: den unverstellten Röntgenblick ins Bewusstsein und Gewissen des anderen. Ein ekelhaftes Wort. Man bleibe lieber an der Oberfläche: Anscheinend ist er normal, anscheinend möchte das Land den Frieden wahren, anscheinend ist er verfassungstreu. Hände weg! Keine nicht nachprüfbaren Verdächtigungen. Für jeden Verdacht muss es einen Anschein geben.
Insektenforscher und Urologen liefern sich seit Jahren einen erbarmungslosen Kampf über die Priorität der Entdeckung der Urinsekten.
Wer Ladeninhaber bestehlen will, begeht Ladendiebstahl. Wer Kunden bestehlen will, begeht Preiserhöhungen.
Hartnäckige Reue: Der Versuch, den Ast, auf dem man saß, wieder an den Baum zu sägen.
Am Abgrund ist der Humor am stärksten, also dort, wo das Grauen ganz nah ist. Humor sollte aber auch immer versöhnlich sein.
Literarischer Ruhestand des Politikers: Reden war Silber. Schreiben bringt Gold.
Macho beim Kauf einer neuen Küche: "Meine Lebensgefährtin braucht mehr Spülraum."
Hinter seiner Zeit zurückbleiben kann genau so befriedigen wie ihr voraus sein. Welcher intelligente Mensch gäbe sich schon damit zufrieden, nichts als Zeitgenosse der Gegenwart zu sein.
Der erste Schritt zur Selbsterkenntnis lässt nicht automatisch den zweiten nach Aussicht auf Einsicht folgen.
Wenn man das Trinken aufgeben will, sollte man sich mit nüchternen Augen einen Betrunkenen ansehen.
Lieber den Jahren mehr Leben geben, als dem Leben mehr Jahre.
Die Eitelkeit als Eigenschaft zu leugnen wäre eitler, als sie zuzugeben.
Der Moralist macht aus der Tugend eine Not. Der Lehrer macht aus der Tugend eine Note. Der Streber macht aus den Noten eine Tugend.
Ich gehe davon aus, dass... : Der eigene Standpunkt ist doch immer der springende Punkt bei jeder Argumentation.
Perspektive des Pedanten: Die Tasten einer einzigen Schreibmaschine genügen, die gesamte Weltliteratur zu produzieren. Ähnlich gehen Linguisten manchmal mit der Literatur um.
Pluralismus: Im Land herrscht Demokratie, in der Gesellschaft Darwinismus, im Betrieb Oligarchie, im Bewusstsein Konformismus, im Unterbewusstsein Anarchie.
Posthumor: "Empfänger verweigert Annahme der Sendung wegen Ablebens."
Probleme mit dem deutschen Präteritum: vergessen, vergasen, vergessen.
Millionen unbekannter Genies: gescheit, gescheiter, gescheitert.
Spätherbst, wenn die Baumskelette sichtbar werden - das Leben ist eine vorübergehende Verschleierung tödlicher Wahrheiten.
Fadenscheinige Transparenz: Auf dunklen Wegen an die Macht Gekommene plädieren immer sofort für Transparenz. Sie stoßen die Leiter weg, der sie ihren Aufstieg verdanken.
Jeder Spiegel beeinflusst den Blick: Aufmerksamkeit, Blickrichtung, Straffung des Gesichts. Der Blickende wird zum Erblickten, der Erblickte zum Beobachter, der Zuschauer zum Schauspieler. Diese Dialektik beginnt zu wirken, sobald man über sich selbst nachdenkt. Je angestrengter man sich bemüht, desto mehr lügt man.
Kaltblütige Karrierekalkulation: "Nullen, die hinter mir stehen, verzehnfachen mich. Eine Eins, die vor mir steht, dezimiert mich."
Die heutige Arbeitsteilung geht so weit, dass diejenigen, die das Sagen haben, nichts mitzuteilen, und diejenigen, die etwas mitzuteilen hätten, nichts zu sagen haben.
Die Sprache als Mittel zur Kommunikation wurde nur erfunden, um einander grundlegend misszuverstehen.
Viele Politiker standen schon vor der Wahl, zurückzutreten oder zurückzutreten. Die einen haben erst zurückgetreten und sind dann zurückgetreten. Die andern sind erst zurückgetreten und haben dann zurückgetreten.
Geradezu als Symbole der Weisheit gelten der Uhu und die Eule, weil sie oft stundenlang untätig und meist mit geschlossenen Augen dahocken. Man nimmt eben von jemandem, der gar nichts macht, zu seinen Gunsten an, er denke.
Das lockere Wörtchen "Meinung" hat, im Gegensatz zur strengeren "Wahrheit", eine dunkle Vorliebe für das Possessivpronomen. Ob zwischen "Meinung" und "mein" nicht gar eine inzestuöse Verbindung besteht?
Jede große Leidenschaft ist hoffnungslos, sonst wäre sie keine Leidenschaft, sondern eine klug berechnete Übereinkunft - der Tauschhandel mit lauwarmen Interessen.
Nach meiner Kenntnis ist Marketing die Kunst, Geld zu verlangen, das keiner hat, mit Argumenten, die es nicht gibt, für ein Produkt, das niemand will, auf dem Markt, den keiner kennt.
Als Toleranz bezeichnet man die Geisteshaltung, die andere erreichen müssen, damit sie so denken wie ich.
Die Familie ist oft nur ein genetischer Zusammenschluss von Menschen, die sonst am liebsten die besten Feinde geworden wären.
Jeder hat das Zeug zum Kolumbus.
Der Vorteil eines schlechten Gedächtnisses ist, dass man mehr Entdeckungen macht als andere Leute.
Zeit ist kein Geld.
Aber den einen nimmt das Geld die Zeit und den anderen die Zeit das Geld.
Ein Übermaß an Hoffnung ist nicht ungefährlich.
Es wirkt wie örtliche Betäubung der Tatkraft.
Die wirklichen Narren sind diejenigen, die glauben, zu vernünftig zu sein, um glücklich zu werden.