Die Klammerung an sowie Huldigung von Idolen bzw. Vorbildern ist nicht nur charakteristisch für die Jugendphase unserer Entwicklung, der so genannte "Starkult" verschmilzt denn auch nicht selten mit
dem postpubertären Fortschreiten menschlicher Individualisierung.
Der Begriff Idol wird dabei recht wenig benutzt, da er ähnlich bedeutungsschwanger und pathetisch klingt wie Held.
Synonyme Begriffe wie Kult, Vorbild, Star finden eher Verwendung. Etymologisch ist Idol abgeleitet vom griechischen eidolon, was die ambivalenten Bedeutungen Gestalt, Bild, Trugbild, Götzenbild, Abgott, falsches Ideal haben kann.
Der Wortstamm verweist auf die unlösbare Verknüpfung von Idol und bildlicher Repräsentation. Während der Mensch bislang von jedweder Serienproduktion ausgeschlossen bleibt, verwandelt er sich eben - wenn fotografiert - doch in ein "reproduziertes
Produkt". Dass sodann diejenigen unter uns, denen multiples
Dasein am eindrucksvollsten gelingt, nämlich die Film- und Rockstars, unsere beneideten Vorbilder sind, ist ganz folgerichtig. Die visuelle Präsenz des modernen Idols wird via technische Bilder, wie Fotografie und TV, medienvermittelt. Medien machen Idole unendlich reproduzierbar. Dabei darf das Idol nicht in einer immateriellen, z.B. musikalischen, Erscheinung verharren. Es muss sich mittlerweile zu gleichen Teilen auf feste Träger bannen lassen.
Künstler, Schriftsteller, Wissenschaftler oder Politiker erreichen bei Jugendlichen in der Regel keinen Kultstatus. Ihre Idole entstammen zumeist dem Bereich der Freizeitkultur.
Traditionell liegt seit den 50er Jahren der Schwerpunkt der Idol-bildung bei Leinwandhelden und Popstars. Daneben hat sich die Palette der Idole seit dieser Zeit stetig erweitert: Neben jugendlichen Leinwandidolen existieren Sportidole, Comichelden
und Helden aus Videospielen, Serien- oder TV Stars sowie jene Kulttypen, welche die multiplen Musiksender in den letzten Jahren hervorgebracht haben.
Sportidole sprechen verschiedene Altersgruppen vom Schulkind
bis zum Erwachsenen an.
Comichelden und Zeichentrickfiguren sind eher dem Kindesalter zuzuordnen, wo die Idole und Vorbilder hauptsächlich noch aus
der unmittelbaren persönlichen Umgebung kommen, z.B. ältere Nachbarskinder, Verwandte.
Mit Beginn des Jugendalters gewinnen Idole aus den Medien zunehmend an Bedeutung. Eine besonders prägende Erfahrung
wird die Orientierung an Idolen in der Jugendphase.
Jugendliche erleben den Abschied von ihrer Kindheit als einen
Bruch mit dem Vertrauten. Die Endgültigkeit des Bruchs lässt
auch die Hoffnung auf die Eröffnung neuer Horizonte entstehen. Kindliche Liebesobjekte werden abgelöst. An deren Stelle kann die Verehrung eines geliebten Idols treten. Auf der Suche nach einer eigenen Position in der Welt kann die Idolatrie, die Verehrung der Bilder eines Stars, den Prozess der Ablösung von der Familie unterstützen.
Die Idolverehrung lässt einen eigenbestimmten Freiraum entstehen, in den die Erwachsenen nicht eingreifen, weil sie diese als eine vorübergehende Phase der infantilen Schwärmerei begreifen.
Die Entwicklung von eigenbestimmten, fantasievollen Formen des Sammelns und der Wissensaneignung über alles, was mit dem Star zusammenhängt, wird zum Basteln an einem eigenen Kosmos, den Erwachsene nicht mehr verstehen können.
Daher ist die Konstruktion des Idols eine gute Möglichkeit der
klaren Grenzziehung zur Erwachsenenwelt. Diese kann die hysterische Verehrung von Stars nicht mehr nachvollziehen,
obwohl für die eigene Jugend Idole eine ebenso bedeutende
Rolle spielten oder man sich heute noch ähnlich irrationalen Schwärmereien, z.B. über neue Automodelle, hingibt.
Je älter man ist, desto mehr wird die Existenz eines Idols, dem
man nacheifert, verleugnet, obwohl es immer Personen gibt, die einem Orientierung bieten.
Heute gibt es durch die verschiedenen Musiksender für die 30-40-Jährigen die Möglichkeit, den Idolen ihrer Jugend noch länger zu huldigen.
Es wird aber auch deutlich, dass diese eben nicht mit den Idolen
der heutigen Jugend übereinstimmen. Die Verehrung einer Person und der Aufbau von Fantasiebeziehungen sind Ausdruck von erotischen Bedürfnissen und eine Form von sublimierter Sexualität. Über die Verehrung eines Traumjungen einer Boygroup oder einer Traumfrau à la Pamela Anderson entstehen erotische Fantasie-welten.
Bei den weiblichen Fans sind sie weniger auf direkten Sex mit
ihrem Idol ausgerichtet als bei den männlichen Fans.
Generell dienen die Idole dazu, ein neues Verhältnis zum eigenen Körper zu definieren. Der Star wird insofern sinnstiftend, als er
den Aufbau einer eigenen Identität entlang des vorgestellten Modells (Verhalten, Outfit), ein role model, zur Nachahmung anbietet. Als Vorbild für den jugendlichen Lebensstil zeigt sich
immer nur eine Oberfläche, die dann nachgeahmt werden kann.
Trotz medialer Bemühung, die Idole so natürlich und alltäglich wie möglich zu präsentieren, wird nie mehr als eine Oberfläche sichtbar. Die reine Bewunderung der Fähigkeiten des Stars, wie bei den Sportidolen, ist seltener als die Bewunderung von Aussehen und Styling.
Auch bei den Sportidolen wird heute der persönliche Stil zunehmend wichtiger (Tattoos, Piercings, Haarfarben oder Textilien).
Er hebt den Star aus der Mannschaft heraus.
Soziale Privilegien und aggressive Durchsetzungsfähigkeit sind die Merkmale der männlichen Stars, die vor allem die Geschlechtsgenossen beeindrucken. Ihre Privilegien äußern sich meistens in Klischees, in denen die Stars alle Mädchen kriegen und Hotelzimmer zertrümmern, die von ihnen auch bereitwillig beglichen werden.
Für die Fans scheint es, als sei dem Idol alles vergönnt, was sie selber nicht haben.
Das Idol ist begehrt und umschwärmt, es sieht gut aus und hat einen makellosen Körper, der dem jeweiligen Schönheitsideal der Zeit entspricht.
Die Verehrung eines Idols kann auch dazu dienen, das eigene mangelnde Selbstwertgefühl zu steigern. Sie kann aber auch
dazu führen, von den eigenen Fähigkeiten abzulenken, bzw.
diese geringer zu schätzen, weil man nicht so ist wie das Idol.
Die rebellischen Idole, die offen aufbegehren, sind eine
Ausnahmeerscheinung. Sie führen in einem ihnen gesellschaftlich zugewiesenen Freiraum vieles aus, was den normalen Jugendlichen versagt bleibt.
Damit spielen diese Idole eine ähnliche Rolle wie die bildenden Künstler. Ein Fehlverhalten wird wie beim Künstler geradezu verlangt. Die Abweichung bewegt sich aber immer innerhalb bestimmter Grenzen.
Idole im historischen Wandel
Jede Subkultur bzw. jeder musikalische Stil hat seine Idole.
Die Verehrung eines Idols bindet Jugendliche in internationale Fangemeinschaften ein, mit denen man geheime Wünsche und Fantasien teilen kann. Die Popikonen erfahren seit der Nachkriegszeit einen hohen Grad an Globalisierung und Internationalisierung.
Vor allem Vorbilder aus dem amerikanischen Bereich gewinnen
für die westeuropäischen Jugendlichen seither zunehmend an Bedeutung.
In den 50er Jahren kam niemand dem Lebensgefühl männlicher wie weiblicher Jugendlicher so nahe wie James Dean, von seinen Fans vertrauensvoll Jimmy genannt. Ihm konnten viele Jugendliche seine überzeugend dargestellte Verzweiflung, Resignation und tiefe Traurigkeit über die seine Gefühlswelt missachtende Erwachsenenwelt direkt nachempfinden. Sein Aufbegehren und seine zumindest situative Angstlosigkeit wirken neben seiner eindrucksvollen Fähigkeit, Schwäche zu zeigen, ermutigend gegenüber dem Unverständnis und den Ritualen der Wohlanständig-keit und Ordnung der zwischen vollem Kühlschrank und Muster-Vor-garten lethargischen Elterngeneration.
Ein rebellisches Idol wurde in den 50er Jahren gleichermaßen von Marlon Brando verkörpert. In dem Film "The wild one" spielte er den Johnny, der die Schnauze voll hat von dem ganzen Zirkus, den man anstellen muss, um ein bisschen Geld zu verdienen, und stattdessen lieber mit der Gang auf dem Motorrad ziellos - und nur um Spaß zu haben - herumfährt.
Er drückt die aggressive Ablehnung einer von Konformität und rigider Arbeitsmoral geprägten Erwachsenenkultur in den 50er Jahren aus. Idole weisen auf die Stoßrichtung des Protestes bzw. der Abgrenzung gegenüber der Elterngeneration hin.
Brando und Dean verkörperten jeder auf seine Weise den Protest gegen die autoritätsfixierte und gefühls- als auch körperfeindliche (Erwachsenen)-Welt der 50er Jahre.
Während dieser Protest bei Deans Darstellung einer sensiblen,
leicht verletzbaren Sinnlichkeit einen nach innen gekehrten Ausdruck erhielt, symbolisierte Brandos in schwarzes Leder gekleidete krude Männlichkeit und seine Motorradgang bereits
die aggressive Bereitschaft, eigene jugendliche Bedürfnisse auch gegen den Willen der Eltern durchzusetzen, notfalls mit Gewalt.
Jim Morrison, Poet und Sänger der Doors, war ein Idol der späten 60er Jahre, das an die rebellische Haltung eines Marlon Brando anschließt.
Sein früher drogenverursachter Tod unterstützt seinen Kultstatus, was seine Fans bis heute zu seinem Grab nach Paris pilgern lässt.
Er entsprach keinem tragischen, fragilen Idol wie James Dean, sondern war ein Aufrührer, der vor allem offen seine Sexualität auslebte: Durch seine aggressive Selbstbehauptung, die auch vor der handgreiflichen, öffentlichen Verletzung sexueller Tabus nicht zurückschreckte und Haftstrafen wegen Obszönität und Jugendgefährdung in Kauf nahm, zugleich aber die Hitparaden dominierte, wurde er zum Idol einer ganzen Generation.
Die 70er Jahre standen vor allem für die wütende Rebellion des Punk, die Stars, Idole und Superbands, wie z.B. Pink Floyd, brüsk ablehnten.
Die Negation der Vorbildfunktion unerreichbarer Popgrößen sollte
die Jugendlichen aus ihrer Lethargie rütteln und zu kreativer Eigentätigkeit motivieren. Die Produktion der Dreiakkorde-Musik sollte jeden zum potenziellen Star machen können.
Die Parolen lauteten "no more heroes anymore" (Stranglers)
und "kill your idols" (Sonic Youth).
Nichtsdestotrotz gab es auch hier eine Person, die auf Grund
ihres spektakulären Todes (Opfer einer Überdosis) und im Zusammenhang mit der Mordgeschichte um seine Freundin Nancy Spungen gleichzeitig ein tragisches und rebellisches Idol der Szene wurde: der Bassist der berühmtesten und zu Anfang provokativsten Punkband Sex Pistols, Sid Vicious.
Wo Namenszüge von den damaligen Punk-Bands auf Lederjacken eher eine Haltung als eine Idolisierung bekunden sollten - für Vicious galt dies nicht. Er war der James Dean des Punk, der exemplarisch das "live fast - die young" vorgelebt hat. Er ist zum Begriff einer verlorenen Generation geworden, die sich weigerte, erwachsen zu werden und soviel wie möglich rausholen wollte.
In den 80er Jahren wurden bei den aus der düsteren Seite des Punk hervorgegangenen Gothic Punks, in Deutschland Grufties genannt, vor allem die zu Idolen, die sich aus Trauer umgebracht haben. Durch die intensive Beschäftigung mit dem Tod auf der Grundlage eines bestimmtes Lebensgefühls von Einsamkeit und Isolation, fehlender Zuwendung und Kommunikation, dem Mangel an Freunden, Schul- und Identitätsproblemen, Enttäuschungen in den ersten Liebesbeziehungen, wurden Personen, die in ihren melancholischen Stücken Tod, Isolation und Einsamkeit beschreiben, zu Idolen.
Die Verehrung der Gothic Punks gilt bis heute besonders dem Joy Division Sänger Ian Curtis, der sich aus unerfüllter Liebe umgebracht hat: Die Anteilnahme an dem Schicksal dieser tragischen Idole hilft bei der Bewältigung der eigenen Situation, für die der Suizid nicht in Frage kommt, weil er das eingestandene Scheitern an der eigenen Lebenssituation wäre.
Eine fröhliche Tanzbewegung wie Techno oder House, kennen diese tragischen Idole bis jetzt nicht. Seit Mitte der 80er Jahre unternimmt die Techno/House Szene nach dem Punk einen weiteren Versuch, eine Musikrichtung ohne wirkliche Idole zu etablieren. Der Ausgangspunkt war die elektronisch erzeugte Musik und hinzu trat das PopArt-Ideal, Musik zu machen wie eine Maschine. Das Ideal sollte zur Konzentration auf die Musik dienen, keine identifizierbare Person sollte davon ablenken.
Ziel ist eine "no star" Anonymität. Wichtig ist das Projekt, das Arbeiten mit den Musikmaschinen, ein Aufeinandertreffen von Menschen und Wellenlängen.
Auch in den 90er Jahren produzierten viele DJs ihre Musik unter wechselnden Projektnamen, die jeweils eine andere musikalische Richtung ermöglichten.
Die Musiker sind nicht mehr auf eine bestimmte Richtung festgelegt und können die Erwartungshaltung eines Publikums unterlaufen, das immer neue Stücke verlangt, die wie die alten klingen sollen. Ursprünglich sind die DJs Teil der Party, des Events, nicht ihr Mittelpunkt oder Star.
Völlig umgehen konnte Techno bzw. House den Prozess der Idol-bildung jedoch nicht. Der Rätselcharakter der Projektnamen machte es für die Insider in der Szene noch reizvoller, ihren Idolen nachzu-spüren und herauszukriegen, unter welchem Projektnamen das Idol wieder etwas neues produziert hatte.
Es ist mit den DJs ein Stück eigene Identität zu Techno entstanden, weil es ja überall DJs gab, die man kannte. Mit denen war man auf einer Schule gewesen, und dann sind sie plötzlich so etwas Ähnliches wie ein Star, und richtig zum Anfassen mit einer
gleichen Herkunft.
Das bringt Identität. Endlich mal wird einer, der nebenan wohnt, berühmt. Das Idol, das man bewundert, kommt aus der eigenen Umgebung, wird greifbar.
Trotzdem wurde die Figur des DJ durch die Verbreitung von
Techno zum Mythos und löste den Wunsch, Rockstar zu werden, ab. Einige der amerikanischen House-Legenden, die keine Idole
sein wollten, in Amerika auch nach wie vor normale Club-DJs ohne Privilegien geblieben sind, wurden in Europa jedoch zu Stars und
als solche auch vermarktet.
Idealisierung und Marketing
Im Kontrast zu der unerreichbaren Größe der eigentlich von der Szene nicht eingeplanten Superstars standen die lokalen DJs, die
für das ihnen persönlich bekannte Publikum auflegten. Der typische Mechanismus des Rockbusiness konnte diese lokale Orientierung umformen, wenn die Djs mitspielten: Der DJ legte unbeachtet in einem kleinen Club auf, seine Fähigkeiten wurden irgendwann entdeckt, er kam groß raus und legte dann auf der Mayday auf.
Bei Techno verursachten die anfangs fehlenden großen Namen Orientierungslosigkeit bei den unterschiedlichen Industrien, nicht etwa bei den Jugendlichen. Techno als kommerzialisierte Massenbewegung war nicht ohne Idole zu denken.
Die Stars sind notwendig, um musikalische und andere Produkte
auf dem neu entstandenen Markt zu verkaufen. Ohne Frontfiguren kann man die musikalischen Produkte nicht vermarkten. Die DJs selbst werden dabei zu einer Art von Marke, über welche die Sponsoren der Veranstaltung wiederum andere Artikel verkaufen können.
In den Schnittmustern von Magazinumschlägen konfektionierten Gesichter der Filmhelden und Privatpersonen zergeht ein Schein,
an den ohnehin keiner mehr glaubt, und die Liebe zu jenen Heldenmodellen nährt sich von der geheimen Befriedigung darüber, dass man endlich der Anstrengung der Individuation durch die freilich atemlosere der Nachahmung entbunden sei.
Die höchstbezahlten Stars gleichen Werbebildern für ungenannte Markenartikel. Nicht umsonst werden sie aus der Schar der kommerziellen Modelle ausgewählt. Deshalb beginnt das Ausschauhalten nach Identifikationsfiguren, um die neuen Tanz- und Hörgewohnheiten affektiv zu besetzen.
Marusha wurde zur fröhlichen Identifikationsfigur für die weiblichen und männlichen Techno-Fans, sie erschien unkompliziert und versprühte immer gute Laune.
Ihre berufliche Herkunft, Schuhverkäuferin, ist eine Wiederholung des amerikanische Mythos vom Tellerwäscher zum großen Star. Marusha wurde zur Identifikationsfigur für die weiblichen Fans,
eine der 10 Prozent DJ Frauen, eine DJ-Quoten Frau, die sich gut vermarkten ließ. Sie wurde zur Pop-Ikone, wie man sie aus den siebziger oder achtziger Jahren kannte.
Wie jeder Star verbreitete sie sich in bildlichen Reproduktionen, damit die Fans an ihr teilhaben konnten bzw. das Gefühl hatten, etwas von ihrem verehrten Idol zu besitzen.
Star-Marketing und Merchandising basieren auf dieser Bildlichkeit. Das Idol steht im Zentrum der Pop-Idolatrie, der Pop-Bilder-verehrung.
In den Zimmern der jugendlichen Fans werden Altäre errichtet, die dem Kult um diese bewunderte Person dienen. Das Bild des Stars muss sich in Formen wie Postern, Stickern, Postkarten und auf
T-Shirts in Fanwohnstuben ausbreiten und vermehren können.
Bei den Fans entstehen im wörtlichen Sinne Projektionswände für Fantasien und Wünsche, wenn eine Wand mit unterschiedlichen großen Bildschnipseln der umschwärmten Person gestaltet wird. Dass in der Reklame Star und Massenware einander stützen (der Star die Ware durch Empfehlungen, die Ware den Star durch der Verpackung beigelegte Bilder), dass sie eine Allianz bilden, ist ganz folgerichtig: Der Star kann sich nach seinem Tode in all seinen Reproduktionen weiterbewähren.
Die Medien konstruieren unterschiedliche Stars für männliche und weibliche Rezipienten. Ein besonderes Vermarktungsphänomen stellten in den 90er die Boygroups, bekannteste Beispiele East 17, Take That, dar.
Diese Boygroups mit gestylten Körpern wurden als geklonte Compilations für die pubertierende Mädchenzielgruppe zusammen-gestellt. Athletische Körper, akrobatische Tanz- und Bühnenshows, unterschiedliche Stylings der Mitglieder, um möglichst viele unterschiedliche Mädchentypen anzusprechen.
Boygroups waren in den Neunziger das, was man in den 70er
Jahren unter den so genannten Teenie-Bopper-Gruppen, wie
z.B. die Bay City Rollers, verstanden hat.
Für diese Bands wurde eigens eine Corporate Identity (das Schottenimage, mit Hochwasserhosen und Schottenkaros) aufgebaut, um Merchandising Produkte wie T-Shirts, Schals
usw. zu verkaufen.
Die Quantität dieser Gruppen hat sich seitdem immens gesteigert. Ihr mediales Bild besteht aus Pseudo-Intimitäten und betont die Normalität der Stars.
Die Boygroups dienen der Bestätigung traditioneller Werte, sie verlangen von den weiblichen Fans das gewöhnliche Rollenverhalten. Sie sind keine Rebellen, selbst wenn sie, wie die Backstreet Boys, waghalsige Kunststücke auf der Bühne vollführen.
Die Kelly Family erfüllt gleich mehrere Funktionen für die Idolbildung: Sie vereint weibliche Fanhysterie wie bei den reinen Boygroups, die Mädchen schwärmen für Paddy und Angelo, ohne wie die weiblichen Fans von Take That eindeutige Plakate mit "Fuck me" hochzuhalten. Die Kellys, von bösen Zungen auch als die "singende Altkleidersammlung" bezeichnet, repräsentiert eine heile Großfamilie, eine abgeschirmte, saubere drogenfreie Welt. Gleichzeitig hatte ihr Leben auf dem Hausboot in Köln aber auch etwas Abenteuerliches, Nicht-Alltägliches.
Ihre netten, nicht aggressiven Songs machten sie zu Idolen und sprechen
mehrere Generationen vom Teenie bis zu den Großeltern an. Außerdem decken sie verschiedene Bedürfnisse ab: Jungen und Mädchen zum Verlieben sind im Angebot. Die Kelly Family schafft eine Verbindung von volkstümlichen mit scheinbar modernen Elementen. Sie erweitern ihre traditionelle, folkloristische Liedpalette auch durch den Einsatz von elektronisch verstärkten Instrumenten, wie die E- Gitarre. Das suggeriert Fortschrittlichkeit und Offenheit für moderne Einflüsse, de facto bleiben die Stücke aber im Bereich des Volkslieds und der Folklore verhaftet. Die Kellys verkörpern ein altes patriarchalisches Familienideal und deren traditionelle Werte durch die straffe Führung des Vaters. Sie verdeutlichen die Polarität der Starwelten, sie repräsentieren das Ideal von reinen, sauberen Stars, während der Rest des Popbusiness rauschhaften Drogenexzessen verfallen ist.
Auch bei Sportidolen findet die Polarisierung in gute und schlechte Stars statt; nur, dass im Sport mittlerweile eher die "bösen" Buben Konjunktur haben. Neben die "nur" besonders guten und fairen Spieler treten solche, die sich neben ihren spielerischen Fähigkeiten besonders auffällig oder aggressiv und rebellisch gebärden, und die oft mit der gezielten Unterstützung von Firmen, wie z.B. Nike, deren Marketing-Strategien auf identifizierende Charaktere aufbauen, zu Idolen avancieren.
Diejenigen Spieler werden zum Idol, die neben ihrer Leistungsfähigkeit einen bestimmten Stil auch nach außen hin sichtbar werden lassen und, trotz bedingungsloser Unterordnung gegenüber ihrem Team, ihre starke Persönlichkeit aufblitzen lassen.
Posthumane Stars
Seit den 50er Jahren gibt es immer wieder auftretende Muster, denen man jedes neue Idol zuordnen kann. Es lassen sich drei traditionelle Typen von Idolen für Jugendliche feststellen, die im wesentlichen seit der Nachkriegszeit mit Modifikationen Bestand haben:
1. Das tragische Idol steht für das Scheitern an den Erfordernissen der zweckrationalen Erwachsenenwelt, das Zerbrechen von Individualität, die im Suizid enden kann. Beim tragischen Idol wird das eingestandene Scheitern zum Kult, das Zerbrechen an der Welt und ihren alltäglichen Begebenheiten. Der Mythos "live fast - die young" zieht sich von James Dean bis Kurt Cobain von Nirvana, über River Phoenix bis zu Michael Hutchence von INXS.
2. Das konservative Idol steht für Konformität und den schnellen Aufstieg in die Erwachsenenwelt, den Umgang mit
deren Werten. Die Idole präsentieren sich als diejenigen, die
es geschafft haben; es sind leistungsorientierte Sportidole wie Michael Schumacher oder synthetisierte Popsirenen wie Britney Spears, bei denen von der medialen Präsentation vor allem der Aspekt des normalen und keimfreien Lebenswandels hervorgehoben wird.
3. Das rebellische Idol ist charakterisiert durch das ziellose
und aggressive Aufbegehren gegen Normen und Tabus (Vorläufer bzw. Analogien zeigen sich in der Figur des Künstlers und des Dandys), der seinen Lebensstil ohne Rücksicht auf Sanktionen durchzieht (z.B. Liam Gallagher von Oasis).
Neu hinzu kommt seit den 80er Jahren die 4. Typisierung, die im zeitgenössischen musikalischen Bereich der Popstars angesiedelt
ist, das geklonte, "posthumane" Idol.
Diese Stars zeigen aufgesplittete multiple, künstlich hergestellte Identitäten und Körper. Dieser posthumane Star und sein Image werden in diesen Fällen nicht mehr allein vom Musikbusiness gemacht, sondern der Star konstruiert sich selber oder ist zumindest aktiv an der Konstruktion seines Images beteiligt.
Das Konstrukt einer unnahbaren, götterhaften, zerbrechlichen Weiblichkeit einer Marilyn Monroe ist verschwunden. Es herrscht Künstlichkeit, ein Spiel mit Geschlechterrollen, Maskeraden und Crossdressing werden von Stars wie Madonna oder Michael Jackson vorgeführt. Sie dienen der Sichtbarmachung der Konstruktion von Identität bei den Stars. Die Idole der 90er sind mehrfach codierte Idole, man kann sie einfach anhimmeln wegen ihres Aussehens oder sie auf Grund des Spiels der virtuosen Inszenierung mit Medien-schablonen bewundern.
Gegenüber dem posthumanen und dem rebellischen Idol sind das konservative und das tragische Idol seit den 50er Jahren eher beständig und werteerhaltend. Sie haben keinen subversiven Charakter, sie bestätigen bestehende Verhältnisse, in dem sie
sich problemlos in den Status der Ware überführen lassen.
Epilog
Die virtuellen Medien erweisen sich als die mächtigsten Agenten
in der kultischen Selbstinszenierung unserer Kultur.
Längst hat ja auch der Markt erkannt, dass man den wichtigsten - eben jungen - Konsumenten keine für sich selbst sprechenden Produkte mehr verkaufen kann. Es geht ihnen nicht mehr um den Gebrauchswert, sondern um den Inszenierungswert von Personen und Waren.
Gefragt sind Themenwelten, Lebensstile, Weltbilder und Ikonen,
die man kultisch inszenieren muss.
Die großen Gefühle, die Passionen und Leidenschaften sind in unserer Kultur heimatlos geworden und suchen nach Schauplätzen der Selbstinszenierung.
Inmitten einer bis zur Sinnlosigkeit aufgeklärten Welt verspricht
das Kultische zugleich Ordnung und Faszination. Die Wiederkehr von Idolen, Kulten und Ritualen kann man nur verstehen, wenn man ihre Funktion als "Heilmittel" gegen das Chaos, gegen die Regellosigkeit und Unübersichtlichkeit unserer Welt begreift.
Gerade weil der postmoderne Alltag immer komplexer wird; gerade weil wir ständig mit undurchschaubaren Systemen konfrontiert sind; gerade weil es keine verlässlichen Orientierungsmarken in unserer Gesellschaft mehr gibt, brauchen wir einen Ausgleich der Einfachheit und Transparenz.
Wir brauchen die Illusion des großen Ganzen, den Wahn der
Einsicht in das, was die Welt im Innersten zusammenhält.
Und damit sind wir bei der Funktion von Kulten, Ritualen
und Idolen. Und eben bei den Medien.
Die wichtigste Folgelast der erfolgreichen Aufklärung ist es wohl, dass uns der Zauber magischer Welten fehlt. Und hier sehen Massenmedien und Marketing ihre große Chance.
Sie inszenieren die Welt als Schauplatz der Verzauberung.
Gegen die Entzauberung der modernen Welt durch Wissenschaft
und Technik setzt das Kult-Marketing heute auf Strategien der ästhetischen Wiederverzauberung. Nun tauchen die Götter, die
aus dem Himmel der Religionen verschwunden sind, als Idole des Marktes und des Bildschirms wieder auf.
Ich vermute deshalb: Wenn spätere Generationen einmal die
Gesellschaft des 21. Jahrhunderts charakterisieren wollen, werden sie Kult-Serien, Filme, Stars und Videos und insbesondere deren
Macher analysieren müssen.