Die Medienrevolution steht angeblich seit langem vor der Tür.
Doch in Wirklichkeit können die meisten Bürger noch nicht einmal ihren Videorecorder programmieren. Die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung hält an ihren alten Konsumgewohnheiten fest. Für Neuheiten auf dem Medienmarkt fehlt den meisten das technische Verständnis, die finanziellen Mittel und auch die nötige Zeit. Neuere Sozialforschungen weisen nach, dass die intensive Multi-Media-Nutzung in der privaten Freizeitgestaltung keine Zeitspareffekte hat, vielmehr entgegengesetzt im Sinne einer Zeitfalle wirkt. Die Interaktion mit Multi-Media "vereinnahmt" die Zeitressourcen der Konsumenten. Die Folgen sind Stress und chronische Zeitnot.
Nicht einmal zwanzig Prozent der Bevölkerung beschäftigen sich nach Feierabend mit dem Computer - wo ist da die elektronische Revolution geblieben? Da der Anteil der Jugendlichen immer kleiner wird, gleicht der Multimediazug ins 21. Jahrhundert eher einem Geisterzug, in dem sich derzeit ein paar Nintendo- oder Sega-Kids geradezu verlieren, während die Masse der Konsumenten nach wie vor 'voll auf das TV-Programm abfährt'. Im Jahr 2000 lag der Anteil der PC-Nutzer gerade einmal bei 15 Prozent. Bis also die Bevölkerung ihre Freizeit multimedial verbringt, vergehen noch zwanzig bis dreißig Jahre. Bis dahin gehen die meisten Menschen nach Feierabend lieber aus und bleiben nicht online allein zu Haus.
Die hohen Erwartungen an das internationale Computer-Netzwerk haben sich bisher nicht erfüllt. Unaufhaltsam soll sich das Internet in aller Welt ausbreiten. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus: Lediglich zwei Prozent der Bevölkerung surfen gelegentlich im Internet durch die Welt. 94 Prozent aber 'zappen' lieber im Fernsehen durch die Programme. Und auch für Teleshopping kann sich nur ein Prozent der Bevölkerung begeistern, während 99 Prozent den traditionellen Einkaufsbummel attraktiver finden.
Umfragen weisen nach, dass es weit weniger Netz-Surfer gibt als allgemein angenommen oder vermutet. Die elektronischen Datennetze liegen voll im Trend, die Konsumenten liegen lieber auf der faulen Haut. Hauptursachen hierfür sind nicht nur Bequemlichkeit oder Mangel an Zeit, sondern vor allem Kompetenzdefizite: Der Cyberspace wird fast nur von Höhergebildeten bevölkert. Die problemlose Datensuche im Handumdrehen wird vor allem von Universitätsabsolventen beherrscht, während der Anteil der Haupt- und Volksschulabsolventen bei unter 0,5 Prozent liegt. Die typischen Internet-User sind auch nicht die 14- bis 17jährigen Multimedia-Kids, sondern eher die 30- bis 39-Jährigen im mittleren Lebensalter. Die meisten Konsumenten nutzen ihren PC lediglich als Schreibmaschine für das Briefeschreiben oder vergnügen sich bei Spielprogrammen. Programmieren und Datenbankanwendung oder Video-, Bild- und Musikbearbeitung stellen mehr die Ausnahme dar. Und selbst für die Internet-User gilt das, was der Sprecher eines Computer-Clubs mal auf den Punkt brachte: "Wir wissen ja auch nicht, wo wir hin wollen, aber wir werden auf jeden Fall als erste dort sein".
Der Internet-Boom ist einstweilen eine Legende. Der Informations-Highway gleicht keiner Datenautobahn, sondern eher einem Trampelpfad, in dem sich ein paar elektronisch Gebildete geradezu verlieren. Für die Masse der Konsumenten sind Videospiele einfacher und Fernsehen bequemer. Nach dem Generationenwechsel der Geräte lässt der Generationenwechsel der Konsumenten auf sich warten. Die Telekommunikation kommt - aber die Bürger betreten nur zögernd die neue Medienwelt. Digital, multimedial, interaktiv - das gesamte Leben in Arbeit und Freizeit, Familie und Freundeskreis soll davon betroffen sein. Die meisten Konsumenten schwanken noch zwischen stiller Revolution und sanfter Verweigerung.
Die Arbeitslosenzahlen nähern sich allmählich wieder dem Nachkriegsrekord. Alle Arbeitsplatz-Hoffnungen richten sich nun auf die neuen Informations- und Kommunikations- technologien, die ihrem Ruf als Zukunftsbranche gerecht werden sollen. Doch wäre nicht eine weniger euphorische und mehr realistische Betrachtungsweise angebracht? Kann es nicht sein, dass der Bereich "Multimedia" vorhandene Arbeitsplätze lediglich sichern, nicht aber zusätzliche schaffen hilft? In gleichem Maße, wie die neuen Technologien zur Rationalisierung und damit zum Beschäftigungs-rückgang bei Branchen wie Banken, Versicherungen, Touristik, Verkehr, Verwaltung und Industrie beitragen, sorgen sie auch für neue Arbeitsplatz in Anwenderbranchen. Das käme aber einem "Null-Summen-Spiel" gleich. Gewinn und Verlust hielten sich die Waage. Die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft bliebe erhalten. Aber - nüchtern betrachtet - wären die Arbeitsmarkt-Effekte der Multimedia-Branche gleich Null. Dann träfe das ein, was branchenintern hinter vorgehaltener Hand ohnehin schon geäußert wird: Insider reden vom "größten nicht existierenden Arbeitsmarkt".
Große Zukunftshoffnungen waren darauf gerichtet, dass Telearbeit im 21. Jahrhundert neue Arbeitsmöglichkeiten schafft. Andererseits nimmt insbesondere von gewerkschaftlicher Seite die Besorgnis zu, dass die künftigen Telearbeiter mit ihrer Devise "Nie mehr ins Büro" (aber auch "Nie mehr Feierabend") vor sich selbst geschützt werden müssten. Die Gefahr besteht, dass Telearbeit zur (Schein)- Selbständigkeit wird: Wo fängt das Zuhause an und wo hört das Büro auf? Aus der Sicht der Bevölkerung halten sich die künftigen Chancen und Risiken der Telearbeit derzeit die Waage. Einerseits wird auf die Möglichkeit hingewiesen, beim Teleworking "die Arbeitszeit individueller einteilen zu können". Andererseits wird auch ein Problem darin gesehen, dass die Telearbeiter "die sozialen Kontakte am Arbeitsplatz vermissen". Berufstätige Frauen betonen eher die Risiken, berufstätige Männer mehr die Chancen von Telearbeit. Offensichtlich liegen noch zu wenig Erfahrungen in Deutschland vor.
So bleibt eigentlich nur die Hoffnung, dass Telearbeit wenigstens zur Verkehrsentlastung beiträgt. Doch in Wirklichkeit gleicht das Ganze mehr einem Null-Summen-Spiel. Was z.B. Teleworker an Berufswegen einsparen, gleichen sie durch gesteigerte Freizeitmobilität wieder aus. PC-Nutzer haben nachweislich und verständlicherweise ein größeres Mobilitätsbedürfnis als die übrige Bevölkerung. Sie sind mehr als andere mit dem Auto unterwegs. Ihr Auto-Mobilitätsbedürfnis ist fast doppelt so hoch wie bei der übrigen Bevölkerung. Nach Feierabend schalten sie den Computer aus und die Zündung im Auto ein. Der erwartete Substitutionseffekt, also die Verkehrsentlastung durch mehr Heimarbeit ist vermutlich "gleich Null". Ledigleich die berufsbedingte "rush hour" könnte sich zeitlich verlagern - mit der Konsequenz, dass der Verkehr dann vielleicht rund um die Uhr stattfindet.
Und selbst für die Euphorie, dass die Telematik, also ein neues Verkehrsleitsystem, eine Verkehrsreduktion durch effizientere Gestaltung des vorhandenen Verkehrsaufkommens bewirken könnte, spricht wenig. Vielmehr spricht dagegen die Erfahrung, dass eine effizientere Verkehrsgestaltung die Verkehrsteilnehmer eher dazu animiert, mehr und längere Autofahrten zu unternehmen. Telematik auf den Straßen zieht eher neuen Verkehr an. Daraus folgt: Techniker, Planer und Politiker müssen sich in Zukunft weniger mit technologischen Neuerungen und mehr mit den Lebensgewohnheiten der Menschen beschäftigen. Fehleinschätzungen und Fehlprognosen sind vorprogrammiert, wenn in den Zukunftsplanungen die erlebnispsychologischen Bedürfnisse der Menschen nicht stärker berücksichtigt werden.
Weit verbreitet in Öffentlichkeit und Medien ist das Bild des Computerfreaks, der blass, einsam und kontaktscheu in seiner elektronischen Höhle weilt: Geradezu "autistisch sitzt der jugendliche Computerfreak allein in seinem Zimmer und starrt ohne Unterbrechung auf den Bildschirm. Per Modem oder Highspeedanschluss klinkt er sich ein in die elektronischen Welten aus Bildern, Texten und Programmen der globalen Netze. Hin und wieder plaudert er mit globalen Gleichgesinnten - 'chatten' nennt sich dieser elektronische Kaffeeklatsch; und alle Netz-Surfer sind losgelöst von dieser Welt... . Das Klischee stimmt nicht mit der Wirklichkeit überein. Computerfreaks sind nicht losgelöst, sondern stehen mit beiden Beinen auf der Erde: Im Vergleich zur übrigen Bevölkerung treiben sie mehr als doppelt so viel Sport, sind mehr als alle anderen mit dem Auto oder dem Fahrrad unterwegs und gehen besonders gerne baden oder ins Kino.
Computerfreaks sind jung und dynamisch, sportlich aktiv und viel unterwegs. Sie leben zwischen den beiden Spannungspolen Konzentration und Bewegung. Sie machen von der Medienvielfalt intensiven Gebrauch. Im Vergleich zur übrigen Bevölkerung sind sie geradezu CD- und DJ-Kids und sehen sich gerne Videofilme an oder entspannen sich bei Videospielen. Computerfreaks sind eigentlich immer in Aktion und Bewegung. Eher besteht bei ihnen die Gefahr, dass sie nicht zur Ruhe kommen. Sie sind hin- und hergerissen, weil sie so viele Interessen haben. Der Computer lässt sie nicht in Ruhe. Er fordert ihre ganze Konzentration und Aufmerksamkeit. Und zur psychischen Entspannung und zum körperlichen Ausgleich nutzen die Computerfreaks jede freie Minute. Sie sind auf der Suche nach einem ausbalancierten Lebenskonzept.
Vor zehn Jahren zählte jeder dritte Westdeutsche das Bücherlesen zu seinen regelmäßigen Freizeitaktivitäten. Jetzt, ein Jahrzehnt später, hat das Bücherlesen bei den Westdeutschen nichts von seiner Attraktivität und Bedeutung verloren. Die Verdrängung des Buches hat nicht stattgefunden, wozu insbesondere die Frauen beigetragen haben. Deutlich häufiger (39%) als Männer (29%) nehmen Frauen mindestens einmal in der Woche ein Buch zur Hand. Die mehr weiblich geprägte Buchwelt könnte in Zukunft das größte Gegengewicht zur männlichen Multimedia-Domäne sein. Die Konkurrenz mit den neuen Medien schadet dem Buch nicht: "Das Interesse an Büchern ist heute noch genauso ausgeprägt wie vor 15 Jahren" (Institut für Demoskopie). Und auch der Buchhandel bestätigt: Die Umsätze sind in den letzten Jahren nicht zurückgegangen, sondern - nicht nur Harry Potter sei Dank - gestiegen.
Das Multimedia-Zeitalter wird also auch in Zukunft nicht ohne Buchleser auskommen. Bücher und Multimedia schließen sich nicht gegenseitig aus. 38 Prozent der Bevölkerung vertreten die Auffassung: "Multimedia können auch in Zukunft das Buch nicht ersetzen". Mit dem Bildungsgrad steigt die Zuversicht. Knapp ein Drittel der Haupt- und Volksschulabsolventen geben dem Buch eine Zukunftschance, währen der Anteil der Hochschul- und Universitätsabsolventen fast doppelt so hoch ist (59%). Die gebildeten Leser sterben im 21.Jahrhundert nicht aus. Und das Lesen bleibt uns auch in Zukunft als lebensnotwendige Kulturtechnik erhalten.
Und weil die Konsumenten so beharrlich an ihren alten Mediengewohnheiten festhalten, muss auch die Medienbranche ihre euphorischen Erwartungen auf ein realistisches Maß zurückschrauben. So wird Online-Sein mittlerweile nur noch als "nettes, spezielles Zusatzgeschäft" angesehen. Mit TV, CD und Büchern lassen sich mehr Geschäfte machen.
Im Übrigen stellt Internet nur bedingt ein neues Kommunikationsmedium dar, das die Menschen in aller Welt näher bringt. Nach Aussagen des amerikanischen Computer-Wissenschaftlers Joseph Weizenbaum werden lediglich Daten herumgeschickt, ohne dass sich die Menschen persönlich kennen lernen. So können Schulkinder in Deutschland zwar ihre Daten mit Schülern aus aller Welt austauschen, was aber einer Pseudokommunikation gleicht, weil es zu keiner menschlichen Begegnung kommt. Die Schüler sitzen hinter dem Computer, statt draußen mit ihren Nachbarkindern zu spielen. Und was im Internet an so genannten Botschaften hin- und hergeschickt wird, hat mehr mit Sprachgeröll als mit Verständigung zu tun. Da wird Bedeutungsloses ausgetauscht und die Texte sind eher trivial. Somit erinnert 'Chatten' im Internet nicht zufällig an Quasseln und Quatschen. Die Kommunikation ist hölzern und spartanisch, umgangssprachlich und jargonhaft; Rechtschreibung und Zeichensetzung werden vernachlässigt, Fehler nicht korrigiert und Grußformeln entfallen teilweise ganz. Das gleicht eher einer Verarmung als einer Bereicherung der zwischenmenschlichen Kommunikation.
Technologisch ist alles möglich. Doch psychologisch stößt die Medienrevolution an ihre Grenzen. Immer mehr TV-Programme, Videofilme und Computerspiele sowie eine wachsende Vielfalt von Möglichkeiten zu Tele-Shopping und Tele-Kommunikation machen auf die Konsumenten den Eindruck der Lawinenhaftigkeit: "Man fühlt sich förmlich überrollt" sagt fast die Hälfte der Bevölkerung in Deutschland. Viele Bürger haben Schwierigkeiten, sich noch im Dschungel der Medienvielfalt zurechtzufinden. Angst vor der wachsenden Medienflut, die "kaum mehr überschaubar" sei, bekundet jeder zweite Bundesbürger ab 35 Jahren. Viele Bürger fühlen sich von der Überfülle des Medienangebots bedroht und wissen nicht, wie sie sich gegen diese Lawine wehren können. Das künftige Zeitalter der Telekommunikation wird von ihnen als Bedrohung empfunden. Auswege, sich aus den Armen dieses "Polypen Multimedia" zu befreien, sehen sie kaum.
Die Befürchtungen über die multimedialen Auswirkungen auf die mitmenschliche Kommunikation nehmen bei der Bevölkerung in Deutschland deutlich zu. Eine knappe Mehrheit der Bevölkerung ist also mittlerweile davon überzeugt, dass das Zusammenwachsen von Computer, Telefon und Fernseher die Einsamkeit vor den Apparaten fördert. Viele sehen in den Multimedia-Möglichkeiten eher eine Geißel der Einsamkeit als einen Fortschritt der Kommunikation.
In den Zukunftsvorstellungen der Bevölkerung fehlt der Medienwelt von morgen der echte Bezug zu den menschlichen Bedürfnissen und Wünschen. Viele Bundesbürger haben das Gefühl, dass die Industrie gar nicht wissen will, ob die Konsumenten das eigentlich alles haben wollen. So sind mittlerweile über 40 Prozent der Bevölkerung ab 14 Jahren der Überzeugung, dass das Multimedia-Angebot nicht angenommen und abgelehnt wird, weil die Bürger es "gar nicht haben wollen". Der Anteil der multimedialen Verweigerer nimmt also derzeit eher zu als ab.
Teleshopping, Bankgeschäfte und Reisebuchungen - alles soll vom Wohnzimmer aus zeitsparend möglich sein. Doch die Konsumenten sind Realisten: Auch Medienkonsum "kostet" Zeit. Jeder siebte Bundesbürger erhofft sich von den neuen Technologien einen zusätzlichen Zeitgewinn. Doch mehr als ein Viertel ist überzeugt: "Es fehlt einfach die Zeit, davon Gebrauch zu machen".
Die Medienwelt von morgen ist gespalten: Die Kriegs- und Nachkriegszeit hat zur Ausprägung von zwei Technikgenerationen geführt. Die Älteren wehren und sperren sich mehrheitlich gegen das neue Multimedia-Angebot. Die Jüngeren hingegen schätzen die Multimedia-Möglichkeiten für die Privatsphäre deutlich positiver ein. Die Chancen des künftigen Multimedia-Zeitalters werden von der älteren Generation wohl gesehen, aber in ihrer Bedeutung relativ gering eingestuft. Ganz anders die junge Generation der unter 30-Jährigen. In ihrer Einschätzung halten sich Chancen und Risiken des künftigen Multimedia-Zeitalters ungefähr die Waage. Auffallend ist dabei, dass die positive Einstellung deutlich zunimmt. Die junge Generation wird zum Hoffnungsträger. Etwa zwei von fünf Jugendlichen haben die Hoffnung, dass dadurch das private Leben "bereichert" wird, die neuen Technologien das Leben "angenehmer und leichter machen" und auch neue Arbeitsplätze geschaffen werden. Knapp ein Drittel der Jugendlichen glaubt, dass die private Nutzung der neuen Medien auch berufliche Vorteile hat.
Hoffnungsvoll stimmt sicher, dass die junge Generation die Multimedia-Zukunft deutlich positiver sieht als die übrige Bevölkerung. Unverkennbar ist allerdings auch hier: Die Nachteile und Risiken der Medienentwicklung werden teilweise genauso schwerwiegend eingeschätzt wie die möglichen Chancen. Jeder siebte Jugendliche trauert gar den alten ARD- und ZDF-Zeiten nach. Die Kluft zwischen Vision und Realität ist groß, wie sich die Multimedia-Industrie unerwartet mit einem Akzeptanzproblem des Konsumenten konfrontiert sieht. In der Vision ist alles möglich. In der Technik ist vieles machbar. Aber in Wirklichkeit geht es nur um zwei Fragen: Wo bleibt der Mensch? Und: Was will der Konsument?
Die Frage, wie chancen- oder risikoreich sich die multimediale Zukunft entwickelt, wird nicht nur von der jungen Generation entschieden. Die weitere Entwicklung hängt wesentlich davon ab, wie schnell es gelingt, den allgemeinen Zugang zu den Multimedia-Angeboten zu erleichtern und für ihre Verbreitung zu sorgen. Zukunftsängste resultieren auch aus Nichtwissen. Wer den Umgang mit den neuen Informationstechnologien nicht beherrscht, äußert mehr Ängste und Befürchtungen über die künftige Informationsgesellschaft als der kompetente PC-User.
Gegenüber Nicht-PC-Nutzern ist beispielsweise der Anteil der PC-Nutzer doppelt so hoch, der an die Schaffung neuer Arbeitsplätze glaubt. Auch das private Leben wird nach Einschätzung der PC-Nutzer durch die neuen multimedialen Möglichkeiten nachhaltig bereichert. Andererseits ängstigen sich PC-Nutzer deutlich weniger, und von Trauer und Wehmut über vergangene Fernsehzeiten halten sie ebenfalls wenig.
Um es deutlich zu sagen: Technikkompetenz löst nicht zwangsläufig Technikeuphorie aus. Die realistische Problemsicht bleibt dabei durchaus erhalten. Doch Zukunftsängste werden durch Zukunftshoffnungen weitgehend wieder ausgeglichen. Die Initiative "Schulen ans Netz" des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie war daher ein Schritt in die richtige Richtung. In den Schulen müssen die Grundlagen für die Erlangung von Medienkompetenz geschaffen werden.
Im 21. Jahrhundert stellt sich die Frage, ob das, was wir technischen Fortschritt nennen, nicht viel zu schnell und viel zu hektisch eingeführt wird, so dass die Konsumenten nur noch irritiert und fast hilflos reagieren können. Die menschliche Lernfähigkeit wird vielfach überfordert und die vorschnelle Übernahme neuer Technologien geht letztlich zu Lasten sozialer Beziehungen. Mit anderen Worten: Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung wurde bisher beklagenswert unvorbereitet mit den technologischen Neuerungen konfrontiert. Der Club of Rome hat diese Krise im Umgang mit den neuen Technologien schon in den siebziger Jahren vorausgesagt und ein "menschliches Dilemma" prognostiziert (1979): Unsere eigenen Fähigkeiten hinken der Entwicklung hinterher. Wenn die Kluft zwischen technologischen Neuerungen und menschlicher Kompetenz weiterhin zunimmt, können Schock- (und Flop-) Wirkungen nicht ausbleiben.
Die Massenmedien, die zu den wirksamsten Lerninstrumenten gehören könnten, haben bisher das Lernen manchmal mehr blockiert als gefördert. Der angepasste, nicht der autonome Konsument war jahrzehntelang gefragt, Eigeninitiative nicht gefordert. Vor allem das Fernsehen gab sich mit der Passivität der Konsumenten zufrieden. Interaktive Lernprozesse waren nicht vorgesehen. Wer jetzt unvermittelt Interaktivität fordert, darf sich über Lernbarrieren und Widerstände nicht wundern. Die Zuschauer werden doch nach wie vor auf passiven Konsum konditioniert. Auf diese Weise werden vorhandene Lernpotenziale mehr vergeudet als geweckt, d.h. die Vernachlässigung technologischer Fähigkeiten führt zu ihrer Verkümmerung. Die Folge ist ein mediales Analphabetentum, die Unfähigkeit, kompetent genug mit der neuen Medienentwicklung Schritt zu halten. Eine Spaltung der Mediengesellschaft zeichnet sich für die Zukunft ab: In die kleine Gruppe der Computer-Freaks, die von Kindheit an den Umgang mit den Medien gelernt haben, und in die Mehrheit der Medien-Analphabeten, die kaum etwas hinzugelernt haben.
Medien-Analphabeten können wir uns auf Dauer nicht leisten. Während die Medien in ihrer technologischen Entwicklung den Perfektionierungs- grad ständig steigern, drohen viele Konsumenten in ihrer Entwicklung geradezu stehen zu bleiben. Die Sozialforschung spricht bereits vom "Kaspar-Hauser-Syndrom": Der Konsument sieht nur noch das, was er längst kennt, und erfährt dabei das, was er ohnehin schon weiß. Die Medien lesen ihm jeden Wunsch von seinen Augen ab. Und genau darin liegt das Problem.
Wie Kaspar Hauser begibt er sich in die Gefahr, in seiner Entwicklung stehen zu bleiben, weil er nur noch das konsumiert, was leicht und locker, interessant und unterhaltsam ist. Der Konsument wird nicht mehr gefordert. Kreative, selektive und kritische Kompetenzen bleiben auf der Strecke.
Die Versäumnisse sind folgenreich: Um z.B. zu verhindern, dass viele Konsumenten resignieren oder sich verweigern, ist die Industrie geradezu gezwungen, mit großem Aufwand neue technische Systeme zu entwickeln, deren Handhabung so einfach ist, dass sie jeder nutzen kann. Weil die Multimedia-Technik für viele so kompliziert ist, hängt ihre Akzeptanz und Verbreitung ganz entscheidend von der Bedienerfreundlichkeit ab. Nur so lässt sich vermeiden, dass die Kluft zwischen den Machern und den Mitmachern noch größer wird.
Wenn wir den Blick in das Informationszeitalter des 21. Jahrhunderts richten, dann steht außer Zweifel, dass uns ein Jahrzehnt des Lernens bevorsteht. Der Erziehung zur Medienkompetenz muss in den nächsten Jahren die ganze Aufmerksamkeit gewidmet werden. Die Wirtschaft muss mehr Geld in Lernprogramme investieren, also nach psychologischen Kriterien neue Software entwickeln. Und Pädagogen sollten nicht mehr nur fragen: Was kommt auf uns zu? Oder: Was können wir kaufen? Kindergärten und Schulen müssten geradezu ihre pädagogischen Forderungen an die Industrie stellen und konkrete Wünsche über die mediale Zukunft äußern.
Die Medienbranche kann sich in Zukunft nicht mehr damit zufrieden geben, dass der Konsument sein TV-Gerät gerade noch ein- oder ausschalten kann. Das Leitbild 2010 muss der autarke User sein - an einem dummen Nutzer kann die Wirtschaft doch kein Interesse haben. Und von Nintendo- oder Sega-Kids allein kann sie auch nicht mehr leben. Wir brauchen also ebenso kompetente wie kritische Konsumenten, die keine Angst vor neuen Technologien haben. Wir sollten allerdings nicht solange warten, bis uns asiatische oder amerikanische Lernprogramme aufgezwungen werden. Unsere Medienkultur sollten wir schon selber schaffen.
Die Medienentwicklung der Zukunft lässt sich thesenhaft in folgenden Punkten zusammenfassen:
- Das "Fernsehen als Lagerfeuer", um das sich die ganze Familie schart, ist unwiderruflich ein Relikt aus den fünfziger bis siebziger Jahren. Doch das Fernsehen als Medium für News und Entertainment stirbt nicht aus. - Der Versorgungskonsument von heute wandelt sich zum Erlebniskonsumenten von morgen und stellt dabei immer höhere Ansprüche. Alle Anzeichen sprechen dafür, dass der Konsum-Dreiklang des Jahres 2010 "Shopping, Kino, Essengehen" mehr Konsumenten in seinen Bann ziehen wird als die "neue Dreifaltigkeit" von Fernsehen, Computer und Telefon. Und die Erlebnismobilität auf den Freizeit- und Ferienstraßen wird auch dann mehr Menschen begeistern als die rasante Fahrt auf der Datenautobahn. Das 21. Jahrhundert wird eher ein Erlebnis-Zeitalter als ein Multimedia-Zeitalter sein. Wer will schon allein vor den Apparaten sitzen, während draußen die Post abgeht...
- Bill Gates' geschürte Euphorie, wonach der Computer schon in den nächsten Jahren allgegenwärtig und überall in den Wohnzimmern steht, drückt mehr Wunschdenken als Wirklichkeitssinn aus. Natürlich ist aus der Sicht der Anbieter alles überall und jederzeit möglich - aber nicht umsonst. Es kostet Zeit, Geld und Nerven. Die multimedialen Unterhaltungsangebote wachsen schneller als die Nachfrage der Konsumenten. Die Wirtschaft läuft also Gefahr, am Bedarf und vor allem an der Stimmung der Bevölkerung vorbeizuproduzieren. Statt im Internet oder in acht Sekunden um die Welt zu surfen, surfen die Konsumenten doch lieber auf dem Wasser. Es hat doch keinen Sinn, großspurig das Informationszeitalter auszurufen, aber gleichzeitig tatenlos zuzusehen, wie gerade einmal ein Prozent der allgemeinbildenden Schulen über für Multimedia geeignete Computerausstattungen mit Netzzugang verfügen. Nicht die Schulen, sondern Wirtschaft und Indusrie verschlafen das Informationszeitalter, wenn sie nicht dafür Sorge tragen, dass Computer, CD-Rom und Fernsehen zum Schulalltag gehören wie Tafel, Kreide und Bücher.
- Die multimediale Zukunft wird kommen - aber nicht morgen früh. Wir müssen damit rechnen, dass ihre Verbreitung einen Zeitraum von ein bis zwei Generationen in Anspruch nimmt. Nur eine multimediale Zukunft, die vom Menschen angenommen wird, führt zu Innovation und wirtschaftlichem Erfolg.
Ich stelle mir folgendes Zukunftsszenario vor: In hundert Jahren wache ich eines Morgens aus meinem Tiefschlaf auf und stelle fest, dass ich noch immer mit der Hand schreiben kann, von meinem Schreibtisch Briefumschläge und Papier nicht verschwunden sind und auch die Tinte im Füller nicht vertrocknet ist. Ich öffne den Mund - und ein Laut kommt heraus. Ich habe es auch dann nicht verlernt zu kommunizieren, laut zu lachen und die Hand zu schütteln.
Sicher: Die Kinder werden in Zukunft lieber mit dem Home-Computer als mit dem Holz-Baukasten spielen und die Erwachsenen mehr Computer als Autos kaufen. Nur: Die multimediale Entwicklung wird bis dahin weder unser menschliches
bedürfnis beeinträchtigen noch unser Interesse am Lesen von Büchern, Zeitungen und Zeitschriften verkümmern lassen. Und je mehr sich Onlinebanking und Teleshopping ausbreiten, desto größer wird unser Bedürfnis nach persönlichen Kontakten und Sehen-und-gesehen-Werden beim Einkaufsbummel sein. Denn: Die Sinne konsumieren weiter mit. Auch im Jahr 2010 werden die meisten Menschen keine Telearbeiter sein, sondern wie bisher eher müde von der Arbeit nach Hause kommen, sich vor den Fernseher setzen und mit nichts anderem als ihrem Partner oder ihrem Kühlschrank interagieren...
Die Medien haben die Lebensgewohnheiten der Menschen grundlegend verändert, wenn nicht gar revolutioniert. Auf dem Weg in das 21. Jahrhundert kündigte sich bereits eine zweite Medien-Revolution an: Vielzahl und Vielfalt neuer Medien (Kabel-, Satellitenprogramme, Privatsender, Video, Computer u.a.) drohen fast das Zeitbudget aus den Angeln zu heben. Für "eine" Sache bleibt immer weniger Zeit. Der gehetzte Medienkonsument lebt zunehmend nach der Devise "Mehr tun in gleicher Zeit". Die alte Lebensregel "Eine Sache zu einer Zeit" ist schon in Vergessenheit geraten, so wie das Aus-dem-Fenster-Schauen zum Relikt vergangener Zeiten geworden ist.
Die 14- bis 24-Jährigen entwickeln sich zu einer neuen Medien-Generation, die alles sehen, alles hören, alles erleben und vor allem im Leben nichts verpassen will. Die jungen Leute nehmen sich derzeit genauso viel Zeit für das Fernsehen wie die übrige Bevölkerung auch - mit einem wesentlichen Unterschied: Zusätzlich und oft zeitgleich nutzen sie andere Medien in ihrer Freizeit: Sie sehen mehr als doppelt so viele Videofilme und nehmen sich deutlich mehr Zeit für das Hören von CDs oder mp3-Files. Selbst für das Bücherlesen haben sie noch mehr Zeit.
Zugleich stellen sie die Diskussion um einen möglichen Verfall der Lesekultur in einem anderen Lichte dar: Bestimmte Bücher werden von der jungen Generation nicht mehr nur gelesen, sondern auch "benutzt": Fast jeder fünfte Jugendliche greift regelmäßig während der Woche zum Lexikon oder Nachschlagewerk. Die öffentliche Kritik darüber, dass die meisten Jugendlichen heute kein 'gutes Buch' mehr lesen, hat eher die schöngeistige Literatur im Blick. Das Informationszeitalter fordert seinen Tribut. Die Einstellung zum Medium Buch wird pragmatischer und lässt unterschiedliche Nutzungsmöglichkeiten zu: Ein Buch "muss" nicht mehr nur gelesen, es darf ruhig auch "benutzt", "gebraucht" und "konsumiert" werden. Die wachsende Bedeutung der Lexika, Nachschlagewerke, Sachbücher, Ratgeber- und Hobbyliteratur stellt die Leseforschung vor neue Aufgaben.
Mehr als jeder vierte Jugendliche beschäftigt sich zudem mit dem Computer und jeder fünfte findet an Videospielen Gefallen. Die Entwicklung neuer Technologien und die Verbreitung der elektronischen Medien haben das Alltagsleben attraktiver gemacht, den Konsumenten zugleich aber Stress und Hektik beschert: Die Frage "Was zuerst?" oder "Wie viel wovon?" beantwortet der gehetzte Konsument in seiner Zeitnot mit Zeitmanagement: In genauso viel Zeit werden mehr Aktivitäten hineingepackt und untergebracht, schnell ausgeübt oder zeitgleich erledigt. Mehr, schneller, weniger intensiv - so lässt sich das Verhalten der neuen Medien-Generation umschreiben. Vielleicht werden in Zukunft deutlich mehr Bücher gekauft als wirklich, d.h. ganz gelesen. So bleibt manchem reich beschenkten Konsumenten in seiner Zeitnot vielleicht nur eine Strategie: "Anlesen, wegstellen - und vergessen!" Mehr TV und mehr Radio, mehr Videospiele und mehr Videofilme - der Tag hat nur 24 Stunden. Mit der Schnelllebigkeit nimmt zwangsläufig die Oberflächlichkeit zu. Der Medienkonsum ist davon am meisten betroffen. Die Medien sind Opfer und Motor zugleich: Sie leiden einerseits unter den Hopping-Gewohnheiten des unsteten Konsumenten und treiben ihn andererseits zum Fast-food-Konsum an. Ein Teufelskreis. Die neue Medien-Generation agiert nicht alternativ - z.B. PC-Nutzung statt Bücherlesen oder Video statt Radio. Für sie heißt es eher: Video + Radio + Computer + Buch + Free TV + Pay TV + Teleshopping + Einkaufsbummel ... Sie will alles und von allem noch viel mehr.
Die psychosozialen Folgen bleiben nicht aus. Wegen der Fülle und Vielfalt der Angebote können viele Eindrücke und Informationen nur noch konfettiartig nebeneinander aufgenommen werden: Kennzeichen einer Konfetti-Generation. Die Impressionen bleiben bruchstückhaft und oberflächlich. Zwischen Wortfetzen und Bildsplittern hin- und hergerissen hat sie am Ende nur wenig Zusammenhängendes gehört und gesehen. Mit der Gewöhnung an das Trommelfeuer ständig neuer Reize bekommt selbst das Außergewöhnliche den Charakter des Vorübergehenden - auf dem Weg zum nächsten Ereignis. Sobald etwas uninteressant zu werden droht, springt der Konsument einfach weiter. So muss die "Hopping-Manie" unweigerlich in Überreizung enden. Der hastige Konsument kommt nicht zur Ruhe. Innere Unruhe weitet sich zum Dauerstress aus. Der Wunsch kommt auf: "Am besten mehrere Leben leben" - der vermessene Traum eines hybriden Menschen.
Das Tempo der heutigen Medien überschüttet Kinder und Jugendliche mit einer immer schnelleren Abfolge von Bildern und Informationen. Infolgedessen bringt unsere Kultur eine ganz neue Medien-Generation hervor - die "Kurzzeit-Konzentrations-Kinder". Diese KKK-Generation entwickelt ganz spezifische Konzentrationsstrategien, damit sie die Bilderflut und das Informationstempo überhaupt noch verarbeiten kann. Pointiert: Das Kind wird zum Scanner, d.h. das Aufwachsen in einer reizüberfluteten Umwelt zwingt das Kind, auch das eigene Leben zu scannen.
Wie beim Scanner, "liest" das Kind die Vielzahl der optischen und akustischen Signale des Lebens selektiv und subjektiv ab, um die Eindrücke überhaupt psychisch verarbeiten und speichern zu können. Es kann in einer "Zu-viel-isation" nur bestehen, wenn es eine neue Lebenstechnik beherrscht oder erlernt: Scannen - damit kann sich das Kind gegen das Zuviel der Reize wehren, indem es nur noch das wahrnimmt, was ihm persönlich wichtig erscheint. Alles Un-Wichtige wird ausgeblendet und für Lang-Atmiges bleibt einfach keine Zeit.
Auf diese Weise wächst eine ebenso temporeiche wie mediengefütterte Generation heran, die aus der Sicht der Erwachsenen, deren Kindheit ja in viel langsameren Bahnen verlief, geradezu gestört oder gar medizinisch therapiebedürftig erscheinen muss. In den USA spricht man infolgedessen schon von einer neuen Volkskrankheit. Gemeint ist die Aufmerksam- keitsstörung A.D.D. (Attention Deficit Disorder) - eine Art Lernkrankheit, die sich aus drei Faktoren zusammensetzt: Spontaneität, Hyperaktivität und Zerstreutheit.
Der Amerikaner Thomas Armstrong stellt allerdings die neue psychiatrische Krankheit, die scheinbar Millionen amerikanischer Kinder befällt, grundsätzlich in Frage: A.D.D. existiert nicht; diese Kinder sind nicht gestört. Sie haben allenfalls eine andere Denkweise, Wahrnehmungsweise und ein anderes Verhalten. A.D.D. ist für Armstrong eine gesellschaftliche Erfindung. Immer mehr Eltern und Lehrer glauben an "The Myth of the A.D.D. Child". Sie erhoffen sich durch Psychopharmaka eine "Ruhigstellung" ihrer Kinder und lassen sich Medikamente wie z.B. Retalin (vielleicht auch zur eigenen Beruhigung) verschreiben, anstatt selber über die Ursachen der Konzentrationsschwäche nachzudenken.
Es ist sicher möglich, A.D.D. oder K.K.K. als Phantom oder Mythos zu entlarven, indem man einfach von einer "neuen Generation" spricht, die ganz anders als die Elterngeneration auf Sinnesreize reagiert. Diese Medien-Generation hat sich dann einfach an die Geschwindigkeit in der Szenenabfolge von Film und Fernsehen gewöhnt. Infolgedessen erwartet sie auch im wirklichen Leben mehr Tempo und mehr Abwechslung. Aus der Sicht der Kinder und Jugendlichen muss dies als eine völlig normale und gesunde Reaktion erscheinen. In der Sichtweise der Eltern, Lehrer und Mediziner hingegen wird ein solches unangepasstes und unkontrollierbares Verhalten schnell zum hyperkinetischen Syndrom, das therapiert werden muss. Dazu gehören motorische Unruhe, Vergesslichkeit, die Unfähigkeit, sich über einen längeren Zeitraum mit einer Sache zu beschäftigen, sowie impulsive Reaktionen und unkontrollierte Wutausbrüche. Die Angst ist groß, dass eine dauerhaft nervöse und unruhige Generation heranwächst.
Für die Zukunft ist zu befürchten, dass sich unsere westliche Kultur zu einer Kurzzeit-Kon-zentrations-Kultur entwickelt: Immer mehr Menschen sind dann nicht mehr in der Lage, sich über längere Zeiträume mit den gleichen Dingen zu beschäftigen. So wächst folgerichtig eine Generation heran, die von klein auf ein K.K.K.-spezifisches Konsumentenverhalten erlernt: Der ständig wechselnden Informations- und Bilderflut der Massenmedien entspricht dann ein ständig wechselndes Spielzeug im Kindesalter, ein ständig wechselnder Freundeskreis im Jugendalter sowie ständig wechselnde Partner im Erwachsenenleben.
Freunde und Bekannte wechseln wie Werbspots und Freizeit-Zubehör. Viele und wechselnde Kontakte werden zur Manie. Dies bleibt nicht ohne Folgen für die Dauer und Intensität der sozialen Beziehungen. Der Freundes- und Bekanntenkreis wird relativ instabil, leicht austausch- und ersetzbar. Mit dem Szenen-Wechsel ändert sich auch die Freizeit-Clique. "Kontakten" wird zum Zugzwang: "Man muss immer neue Typen aufreißen". Die Oberflächlichkeit der Beziehungen ist vorprogrammiert.
Nach Angaben des Deutschen Bildungsrates gab es in den siebziger Jahren etwa zehn Prozent sprachauffällige Kinder zum Zeitpunkt des Schuleintritts. Untersuchungen der Mainzer Klinik für Kommunikations- störungen weisen jedoch seit den achtziger Jahren auf eine dramatische Zunahme von Sprachauffälligkeiten bei Kindern hin. So zeigte sich beispielsweise zwischen 1988 und 1992 in verschiedenen Kindergärten der Stadt Mainz und Umgebung, dass mindestens 25 Prozent aller dreieinhalb- bis vierjährigen deutschsprachigen Kinder Sprachentwick- lungsstörungen aufweisen. Dieser Befund wird inzwischen bundesweit von Kultusministerien und Sonderschulen bestätigt. Allein in Nordrhein-Westfalen stellte man zwischen 1983 und 1995 eine Zunahme von 87 Prozent bei sprachauffälligen Kindern fest, die zu einem deutlichen Anstieg der Schüler an Schulen für Sprachbehinderte führte.
Als ein ursächlicher Faktor hierfür gilt der wachsende Einfluss der elektronischen Medien auf die Kindesentwicklung. Sechzig Prozent der Zeit in der Familie wird vor einem Fernsehgerät geschwiegen. Kinder im Alter von 6 bis 13 Jahren sehen mehr als zwei Stunden pro Tag fern. Die nachweisliche Fortsetzung passiven Medienkonsums sind dann Solospiele mit dem PC oder dem Gameboy.
Aus dem Blickwinkel der Sprachentwicklung erweist sich das Fernsehen als Einbahnstraße. Vom bloßen Zusehen und Zuhören vollzieht sich gerade keine altersentsprechende Sprach- und Sprechentwicklung: Ein Kind wird vor dem Bildschirm niemals aufgefordert, wirklich zu interagieren und seine eigenen Fantasien auszuleben. Denn es gibt kein direkt agierendes Gegenüber. Seine Aktionen und Bemühungen, zu kommunizieren, und seine Emotionen bleiben ohne Antwort, was den qualitativen Bedeutungsunterschied etwa zum Kindertheater deutlich macht. Eine Aneignung der kindlichen Umwelt mit allen Sinnen - aktiv und mit voller Bewegung - kann es beim passiven Medienkonsum nicht geben.
So kommt es zwangsläufig zu Defiziten in der sprachlichen und kognitiven Entwicklung. Denn: "Denken ist im wesentlichen versinnlichte Sprache". Die Folgen solcher Sprachentwicklungsstörungen sind u.a. ein reduzierter Wortschatz, Probleme bei der Anwendung grammatischer Regeln sowie Schwierigkeiten beim Verstehen und Formulieren von Sätzen.
Da solche Sprachauffälligkeiten durchschnittlich erst bei Kindern im Alter von 4,6 Jahren Jahren erkannt werden, wird einsichtig, dass das wichtigste Übungsfeld für die Verbalentwicklung des Kindes das direkte Gespräch in und mit der Familie ist. Elektronische Medien können kein Ersatz dafür sein, da sie weder durch verbales Lob noch durch mimische Anerkennung das Initiationslernen des Kindes fördern. So kommt es zu dem Dilemma, dass in Zukunft Kommunikation und Interaktion in Berufs- und Privatleben immer wichtiger werden - im gleichen Maße, wie die Entwicklung von kommunikativer Kompetenz in der Kindheit durch übermäßigen Medienkonsum gestört oder gar verhindert wird. Produziert die künftige Informationsgesellschaft eine neue Zivilisationskrankheit?
Was Wissenschaft und Forschung theoretisch an Erkenntnissen zutage fördern, wird inzwischen durch die Wirklichkeit bestätigt. Nach neueren Untersuchungen dominieren in den Schulen schon heute nervöse kleine Egoisten, die aggressiv reagieren, wenn sie aufgefordert werden, sich mehr Mühe zu geben. Sie verhalten sich so, als sei ihr Zentralnerven- system an das Vorabendprogramm des Fernsehens angeschlossen: Ihr schulisches Verhalten ist ein Reflex auf schnelle Schnitte à la Scream oder MTV. Sie sind nervös, können sich weniger konzentrieren, bedürfen immer neuer Reize, Stimuli und Sensationen, können kaum noch mit sich allein sein, behalten weniger, strengen sich selten an - kurz: "Das Konstante ihrer Persönlichkeit ist die Flüchtigkeit". Wir haben es in Zukunft mit einer neuen reizüberfluteten Generation zu tun, die deutlich aggressiver ist als ihre Vorläufer.
Und wie unlängst die Psychiatrische Universitätsklinik in Freiburg nachwies, haben 23 Prozent der befragten Kinder im Alter zwischen sechs und zehn Jahren als Folge chronischer Stressbelastung unter Schlafstörungen zu leiden. Sie haben zunehmend Schwierigkeiten, ohne fremde Hilfe zur Ruhe zu kommen. Dabei besteht ein enger Zusammenhang zwischen Hyperaktivität und chronischem Schlafmangel. Die betroffenen Kinder sind rastlos, impulsiv und leicht ablenkbar. Eine Hauptursache wird in der immer stärkeren Verplanung gesehen. Manche Kinder haben einen privaten Terminkalender wie Manager im Beruf. Infolgedessen konsumieren sie mehr ihre verplante Zeit, während die Entwicklung von Fantasie und Eigeninitiative zu verkümmern droht. Viele Kinder können nur noch kurze Geschichten erzählen, in denen sich ein Highlight an das andere reiht - genauso wie im Fernsehen bei Werbespots oder Musikkanälen.
Im gleichen Maße, wie die Ausdauerfähigkeit der Kinder sinkt, nimmt ihre Ablenkungsbereitschaft zu. "Vorlese"-Situationen, wie sie früher von Kindern geradezu herbeigesehnt wurden, werden mittlerweile zur Geduldsprobe für Lehrer: Selbst bei spannenden Geschichten ist nur noch ein kleiner Teil der Kinder in der Lage, sich auf das Zuhören zu beschränken. Bereits mitten im Text verlieren viele Kinder das Interesse daran, die Geschichte überhaupt zu Ende zu hören.
Das "Nicht-zuhören-Können", heute schon im Kindesalter nachweisbar, kann in Zukunft zur größten sozialen Herausforderung für die zwischenmenschliche Kommunikation in westlichen Wohlstandsländern werden. Daraus folgt: Motivations- und Animationsfähigkeiten sowie die Kompetenz zu Methodenwechsel und variantenreichen Unterrichtsformen werden dann zum pädagogischen Repertoire jedes Lehrers bzw. zum Grundbestandteil jeder Lehreraus- und -fortbildung gehören müssen.
Was aber passiert, wenn nichts passiert - wenn sich die pädagogischen Qualifikationen der Lehrer und der Lern- und Erziehungsstil in der Schule nicht verändern? Dann würden die Schüler im Zeitalter der Fernbedienung die Lehrer im Unterricht einfach 'wegzappen', d.h. die Schüler wären körperlich anwesend, aber in Gedanken woanders. Mental würden sie abdriften und wie beim Fernsehkonsum Langweiliges einfach 'wegzappen', also 'abschießen'.
Die sozialen Konsequenzen sind klar: Wenn eine Gesellschaft ihre Erziehungsverantwortung gegenüber der nachwachsenden Generation ernst nimmt, dann dürfen Kinder mit der kaum mehr zu kontrollierenden Flut von Programmen nicht alleine gelassen werden. Sie brauchen gezielte Anleitung und Hilfe beim Umgang mit den Medien. Die Medienkompetenz wird damit zu einer der wichtigsten Lebenskompetenzen der Zukunft.
Medienerziehung darf sich in Zukunft nicht mehr darauf beschränken, bloß auf einen kritischen und kreativen Umgang mit Medieninhalten vorzubereiten - so nach dem Strickmuster: Eltern sehen gemeinsam mit den Kindern eine TV-Sendung und reden anschließend darüber - ganz abgesehen davon, dass Kinder am meisten mit ihren Freunden (und nicht mit ihren Eltern) über TV-Sendungen reden. Das ist keine hinreichende Problemlösung für die Zukunft. Das Hauptaugenmerk familiärer und schulischer Medienerziehung muss vielmehr darauf gerichtet sein, wie die Sinnesüberreizung durch die Medienflut bei Kindern verhindert werden kann. Dies hat mehr mit Verhaltenstraining als mit Wissensvermittlung zu tun. Konkret: Eine Anleitung zu weniger Medienkonsum kann die wirksamste Medienerziehung sein. Wer also bewusst sein Leben nicht durch Medien beherrschen und reglementieren lässt, beweist die größte Medienkompetenz. Fernseh- und Medienkonsum nach Maß ist eine ebenso sinnvolle wie befriedigende Tätigkeit. Kinder hingegen, die zwei bis vier Stunden täglich fernsehen, werden dieses Übermaß in ihrer Entwicklung zu spüren bekommen und die Folgen ein Leben lang zu tragen haben.
Noch nie zuvor waren die Menschen einem solchen Angebotsstress ausgesetzt wie heute. Ständig müssen wir uns entscheiden, ob wir etwas machen oder haben, selektiv nutzen oder ganz darauf verzichten wollen. Früher galt der Grundsatz "Eine Sache zu einer Zeit". Daraus ist heute die Gewohnheit "Mehr tun in gleicher Zeit" geworden. Daraus folgt: Insbesondere die im Wohlstand aufgewachsene junge Generation muss kompetenter werden, um in Zukunft den Anforderungen an das Leben genügen zu können. Wer persönliches Wohlbefinden (und nicht nur materiellen Wohlstand) erreichen will, müsste geradezu einen Neuen Katechismus erlernen und die neuen Gebote des 21. Jahrhunderts beherzigen:
Bleib nicht dauernd dran; schalt doch mal ab.
Jag nicht ständig schnelllebigen Trends hinterher.
Kauf nur das, was Du wirklich willst und mach dein persönliches Wohlergehen zum wichtigsten Kaufkriterium.
Versuche nicht, permanent Deinen Lebensstandard zu verbessern oder ihn gar mit Lebensqualität zu verwechseln.
Lerne zu lassen, also Überflüssiges wegzulassen: Lieber einmal etwas verpassen als immer dabei sein.
Lerne wieder, 'eine Sache zu einer Zeit' zu tun. Entdecke die Hängematte wieder.
Mach nicht alle deine Träume wahr; heb' Dir noch unerfüllte Wünsche auf.
Tu nichts auf Kosten anderer oder zu Lasten nachwachsender Generationen.
Genieße nach Maß, damit du länger genießen kannst.
Verdien dir deinen Lebensgenuss - durch Arbeit oder gute Werke: Es gibt nichts Gutes; es sei denn, man tut es.