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Textosteron - Juveniler Jubel

Waschbrettbauchwahn und Teenie-Manie, nicht endender Entblößungstrieb inmitten einer Comedy-Schwemme, Postpubertierende in Ärztekitteln, umgeben von Richterroben und glattgebügelten Soap-Helden - unser alltäglicher Fernseh-Irrsinn, welcher den majorisierten Anteil der Midlifecrisis-Gefährdeten - ob sie wollen oder eher nicht - unter allen Umständen und mit allen Mitteln in das Korsett einer fokussierten 14- bis 29-jährigen Zielgruppe zu zwängen versucht. Allerorten penetriert und präsentiert sich der Trend zum Infantilen, der wahnwitzige Wille, nicht erwachsen zu werden, zu dem die Jugendlichen auch erst gar keinen Antrieb verspüren. Die Tugend der Mitte- bis Enddreißiger zielt hingegen unbeirrt auf das Verlängern ihrer Jugend bis hart an die Grenze des Vorruhestands. Diese Adoleszenz ist durchzogen von Körperkult, Narzissmus sowie egoistischer Selbstverwirklichung und ist als neues Massenphänomen einer juvenilen Gesellschaft allgegenwärtig.

Das Fernsehen entpuppt sich dabei als großer virtueller Sandkasten, in dem die backe backe Kuchenformen der Kindheit lediglich durch zeitgemäße Pixel-Pakete ausgetauscht werden. Unter Begrifflich-keiten wie Jugendwahn und Altersängsten - unter denen weder der eine noch der andere eine latente Panik bei mir auslöst - scheinen sich denn auch eher die medialen Programmgestalter ihre von (alterbedingter) Parodontose gefährdeten Zähne auszubeißen, wenn man sich bestimmte Programmentscheidungen der letzten Zeit vor Augen führt. Da werden Sendungen trotz guter Zuschauerquoten abgesetzt, weil angeblich zu viele alte Leute unter den Zuschauern sind und deren vermeintliche Konsumbereitschaft unter Werbegesichtspunkten zu gering ist.

Damit ist in der Tat eine neue Dimension erreicht worden: Bisher wurden ja immer die Zuschauerquoten als letztgültige Argumente für Programmentscheidungen benutzt. Jetzt scheint man auch noch unter den Zuschauern nach jenen Ausschau zu halten, die "gleicher" sind als die anderen. Da fehlt nicht mehr viel, bis alle Sendungen nur noch als ästhetische Dekoration für Konsumprodukte im Werbeblock behandelt werden.

So ist es kein Zufall, dass zwei Tendenzen das heutige Leben maßgeblich bestimmen: die Ästhetisierung der Existenz und die Sexualisierung der öffentlichen Sphäre, infantile Egozentrik und autoerotische Genusssucht unter dem scheinbar objektiven Schutzschirm der Markenartikelindustrie. Ob für Parfüm, Schokoriegel oder Strom geworben wird - der (fast) nackte Körper ist allgegenwärtig, provozierend und triumphierend zugleich. Doch der Glamour der Nacktheit, weit entfernt vom alten Protest gegen die verklemmten Eltern, spiegelt eher kalte Lust als Liebe und Leidenschaft. Denn der Kult um den Körper ist gleichzeitig körper- und liebesfeindlich, die Inbrunst, mit der man sich zeigt, so aseptisch wie das neueste Körperspray: Sie geht einher mit der Angst vor wirklicher, fordernder Nähe und Entblößung. Dieses kollektive Verhalten passt zur weit verbreiteten Abneigung gegen emotionale Bindungen und persönliche Verantwortung - ein Syndrom, das junge Karrieristen erst richtig fit macht für die mobile Massenkultur. Man ist jung, vital, dynamisch und keinesfalls zu dick, zugleich pragmatisch und flexibel und versteht es, auf den Wellen der wechselnden Moden zu surfen.

Was einst Jugend war und im Werther- oder Revoluzzerstil gegen die Welt der Erwachsenen rebellierte, ist durch einen flächendeckend synthetischen Jugendwahn der ganzen Gesellschaft ersetzt worden, bei dem sich die überlieferten kulturellen Abgrenzungen verwischt haben: Achtjährige knacken Computer- systeme von Staatsbehörden, 17-jährige Gymnasiasten spekulieren an der Börse, während hochmobile Frührentner in Marken-Sneakers und mit neuesten CeBit-Errungenschaften haufenweise Junkfood in sich hineinstopfen.

Die legitime Schwester der Infantilisierung ist die "Viktimisierung", der Hang, sich stets als ohnmächtiges Opfer der Gesellschaft zu inszenieren und damit die eigene Verantwortung auf ein gerade noch erträgliches Mindestmaß zu reduzieren. So scheint die Welt ein einziger Kindergeburtstag mit angeschlossenem Ferienklub: "Gebt den Kindern das Kommando!" proklamierte schon in den Achtzigerjahren prophetisch der Sänger Herbert Grönemeyer. Alles ist erlaubt, alle sind dafür, also ist auch alles egal - so das neue Credo der "Halberwachsenen". Jeder votiert für Champagner und gegen Waldsterben. Widerspruch und Empörung, die einstigen Grundnahrungsmittel des politischen Engagements, sind out. Die Entpolitisierung, ist ein allgemeines, kaum noch bemerktes Phänomen in einer Zeit, in der die Dimensionen der Probleme und die Möglichkeiten, sie zu lösen, immer weiter auseinander klaffen. Während früher Autorität, Disziplin, Pflichterfüllung und Tradition die prekären Bedingungen der sich entwickelnden Individualität markierten, waltet nun die terroristische Überforderung durch den allgegenwärtigen Zwang zur perfekten Selbstdarstellung - eine hysterisch bejahte Gegenwärtigkeit, die zur Regression auf den kindischen Kult unmittelbarer, selbstsüchtiger Befriedigung führt. Die kommt am Ende auch ganz ohne Objekt aus.

Diese Tyrannei der sabbernden Infantilität verbindet sich mit einem grassierenden Narzissmus, der die äußere Realität der Welt vorwiegend als Spiegelung des eigenen Selbst wahrnimmt. Statt die konfliktreiche Auseinandersetzung mit der komplexen Wirklichkeit zu riskieren, geraten immer mehr Menschen in die narzisstische Falle einer Scheinwelt, in der sich diffuse Ängste und entgrenzte Potenz- und Allmachtsfantasien abwechseln. Dazwischen: Abgründe innerer Leere.

Tatsächlich hat sich im Laufe der Achtzigerjahre, nach dem Zerfall visionärer Ideologien, politischer Utopien und religiöser Transzen-denz, eine radikal innerweltliche Konsumgesellschaft entwickelt, deren Mangel an Orientierung narzisstische Verhaltensmuster geradezu herausfordert. Flexibilität, Austauschbarkeit, Wichtigtuerei und Durchlässigkeit sind die neuen Maximen: Die Transzendenz ist in Tausende von Fragmenten zerborsten, die wie Bruchstücke eines Spiegels sind, in denen wir flüchtig noch unser Spiegelbild greifen können, bevor es vollends verschwindet. Die Welt wird nicht mehr begriffen und kritisiert, sie wird inszeniert und zum Material der besten aller möglichen Meinungen hergenommen, die das Ich von sich selbst haben kann.

Statt der Konkurrenz um Ideen und Alternativen geht es um einen rasenden ästhetischen Wettbewerb der Lebensstile, der Moden und einer extravaganten Selbstinszenierung, in der Voyeurismus und Jugendkult über tradierte Moral und diskursive Rationalität triumphieren. So wird Sex paradoxerweise zum Zeichen körperloser Kommunikation ohne Folgen: Schaulust pur, eingehüllt im Kokon einsamer Coolness, hautnah dran und doch abgeschottet von der Erfüllung aller Sehnsucht. Dabei ist die Häufigkeit sexueller Kontakte eher rückläufig. Während der allgegenwärtige Hedonismus die Lust eher nivelliert, sollen immer häufiger Drogen den ultimativen sexuellen Kick verschaffen: Die Droge befreit - den Sex entbindet sie von jeglicher moralischer oder sozialer Verantwortung vom Erwachsensein.

Die weitverbreitete Unlust oder Unfähigkeit, zwischen dem eigenen Ich und der Welt überhaupt noch zu unterscheiden, Ambivalenzen und Widersprüche auszuhalten, sie womöglich sinnvoll ins eigene, kritische Selbstbewusstsein zu integrieren führt in eine deprimierende Ich-Höhle. Immer mehr "Halberwachsene" finden nicht mehr aus ihr heraus. Um so wichtiger wird ihnen das Tempo wechselnder Reize, die rastlose Suche nach Anerkennung und Bewunderung, Ausdruck eines verzweifelten Geltungsbedürfnisses, das immer nur kurzzeitig befriedigt werden kann. Sie verabsolutieren die Gegenwart nicht aus Angst vor dem Tod, sondern um selbst gegenwärtig zu sein - jedes Jetzt ein maskiertes Ich.

Vor kurzem entgegneten mir ein paar Kiddies, dass sie schon mit zehn Jahren wussten, wie sie zum Orgasmus kommen, und wüssten, dass sie unbedingt ihr Ich finden müssen. Denn sie sind frei. Sie sagen ihre Meinung und wissen genau, was nicht stimmt. Und niemand von uns kann den oder die wirklich Schuldigen ausmachen. Ein Wunder also, dass nichts geschieht?