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Textosteron - The Return Of The Dandy Assholes

Der Dandy, diese debile Inkarnation Wilde'scher Attitüden, ist en vogue wie selten zuvor. Gerade in Künstlerkreisen setzt sich immer mehr die Erkenntnis durch: Etwas zu können genügt nicht. Das Können und mithin die eigene Person müssen auch inszeniert werden, weil man sonst nicht wahrgenommen wird. Wie Oscar Wilde es gelehrt hat: "Die erste Pflicht im Leben ist es, eine Pose einzunehmen." Oscar Wilde bleibt unnachahmlich. "Das Ziel des Lebens ist es, zum Kunstwerk zu werden." Seine ästhetische Moral als äußerst gepflegt daherkommender und dennoch wuchtiger gesellschaftlicher Protest haben sich überlebt. Und der Gehstock ist wieder da, für vornehme Herren im 19. Jahrhundert ein unverzichtbares Accessoire, mit golden oder mit Schildpatt besetztem Griff oder Knauf, von denen jeder eine Kollektion hatte. Und wieder geht es um eine Stilisierung des Ich, um eine bewusst eingesetzte Künstlichkeit, die das Natürliche konterkariert und sich spreizt, ohne preziös zu sein, um die Übertragung künstlerischer Darstellungen in das Alltagsleben. Denn wir leben in einer "Übergangsperiode", in der die Menschen nach vorn und zugleich zurückblicken. "Teils verunsichert" wird vieles, was bislang selbstverständlicher Lebensbestandteil war, "gering geachtet", und das schafft beste Voraussetzungen für den "Dandyismus", eine Bewegung gegen die Nivellierung durch Egalität, gegen Mittelmaß und eine allzu sozialistisch determinierte Demokratie. Wie Lebenskünstler Wilde bereits vor hundert Jahren sagte: "In einer guten Demokratie sollte jeder ein Aristokrat sein."
Dandyismus ist männlich-eiserne Disziplin, um gegen die Unbill des Lebens bestehen zu können. Selbsterziehung bis zum Exzess ist angesagt, um mit stilvoller Sprache und würdevollem Auftreten Eindruck zu machen. Die Ästhetik des Augenscheins wird programmatisch über die Ethik und die mit ihren apokalyptischen Katastrophen ringende Welt gestellt. Contenance wird gegen das Erdige eingesetzt, das vor allem Frauen und Kinder verkörpern, gegen den langweiligen Tatsachenfetischismus und die banalen Anmaßungen des Hightech-Zeitalters.
Zwar hat der Dandy heute Handy, aber er lässt sich von dessen Schrillen nicht an jeder Straßenecke aufhalten in seinem wertkonservativen Lauf. Sollen die anderen bellen und johlen, wo sie auch gehen und stehen - der Dandy hat aus Prinzip Stil und hält sich fern von der tumben Masse. "Nur unter eleganten Leuten bin ich bei mir selbst", gab Oscar Wilde gern zu Protokoll.
Mit Gehstock und Handy können sich schließlich Krethi und Plethi ausstatten, aber auf die Gesamterscheinung und Persönlichkeits-abstrahlung kommt es an, auf die Form, die über den Inhalt siegt, auf die geheimnisvolle Unnahbarkeit, die wirkliche Souveränität signalisiert. Der Dandy produziert sich als Kunstprodukt, dem alles Natürliche und Weibliche fremd und feind ist (was aber nicht auf eine homoerotische Ausrichtung verweist), der einen Nichtangriffspakt mit der Welt geschlossen hat, obgleich er ihr kalt und mitleidlos gegenübersteht. Der Dandy ist eine überlegene Gestalt. Wie Meister Wilde es so unnachahmlich formulierte: "Die Kunst errichtet zwischen sich und der Wirklichkeit die unübersteigbare Schranke des schönen Stils."
Dandyismus macht Sinn in einer Zeit, die der Intimität rigoros den Kampf angesagt hat. Der Dandy will nicht über alles schwadronieren und schon gar nicht mehr zeigen als seinen subtilen Chic. Die fitnessgestählte, aktivitätsorientierte Rustikalität des heutigen gesellschaftlichen Umgangs ist ihm viel zu schweißduftumweht.
Das größte Problem des Dandys ist der Verlust seiner metropolen Bühne, auf der er immer sein Publikum fand und die jetzt Inline-Skatern, Joggern, Mountainbikern und Touristenhorden auf Sightseeing gehört. Es fehlen die Kaffeehäuser und Debattierzirkel, die luxusgepufferten Orte der Muße mit ihren Schranken gegen die plebejische Invasion der Gleichmacherei, des Diskutierens mit jedermann und sogar -frau. Heute wird dem Bedürfnis nach Selbststilisierung und kommunikativer Zurschaustellung zu wenig Raum gegeben, wird der Alltag nicht mehr ästhetisch zelebriert und verdrängen plumpe Umgangsriten das Edle, Adlige, den erlesenen Geschmack.
Jeans im Konzertsaal sind dem Dandy ein Gräuel, schlipslose Opernbesucher vermitteln dem obligatorischen Krawattenträger das Gefühl, auf offener Szene stranguliert zu werden. Nie käme er auf die Idee, zur Dichterlesung in die Bauruine und zur Vernissage beim Rechtsanwalt zu gehen, nie würde er eine Party im Luftschutzkeller mit seiner Anwesenheit beehren oder sich vom Zahnarzt zum Sonntagsbrunch auf dessen Segelboot einladen lassen, wo wildfremde Menschen ihn duzen. Originalität und Exzentrik sind durchaus des Dandys Sache, aber immer mit Stil, bitte! Kunstausstellungen, die Kitsch zulassen, findet er dekadent, Szenegänger sind ihm eine Zumutung, obwohl sie seiner Generation angehören, und jeden Beamten empfindet er wegen dessen Outfit als kleinbürgerliche Anmaßung.
Der Dandy ist ein überwiegend jüngerer Mann, der einiges durchmacht, sobald er sein Quartier verlässt. Kaskadenartig schlägt eine armselige Sprache auf ihn ein, die Stadt ist in ihren Herzkammern zum Aufmarschgebiet erbärmlicher Gestalten geworden, und wenn er tapfer am Stolzieren festhält, was nun mal die dem Dandy angemessene Fortbewegungsart ist, bleiben Halbwüchsige stehen und lachen ihn aus. Das ist nicht seine Welt, und doch muss er in ihr überleben. Dazu bleibt ihm vor allem eine Waffe, die der Rhetorik. Der Dandy setzt sich zur Wehr, er plädiert für Niveau und appelliert an das Künstlertum im Mitmenschen, um die Seelenverwandtschaft zu erforschen. Vielleicht findet man ja doch noch eine gemeinsame Ebene des unverkrampften Umgangs? Der Dandy hält auf Distanz, ist aber nicht unzugänglich oder intolerant. Nur konsequent. Der Kulturtheoretiker Bazon Brock definiert den Dandy als eine Person, "der sein Dasein als Einheit von Kunst und Leben" betrachtet. In einer zunehmend globalisierten New Economy Welt ist es allerdings faktisch unmöglich, sein ganzes Leben in den Dienst der Schönheit zu stellen. Adaptionen bzw. neue Entwürfe zeitgemäßer Lebenskunst sind gefragt. Der Typus des Dandys taucht oft in Situationen der Orientierungslosigkeit und des sozialen Umbruchs auf. So wie heute, wo eine gewisse Richtungslosigkeit einerseits und gesellschaftliche Langeweile andererseits nicht abzustreiten sind.
Wie seine Vorfahren, die glänzenden Helden des 19. Jahrhunderts, gibt er sich ganz seiner eigenen Perfektion hin. Jenseits jeglichen Hype- oder Lifestyle-Denkens, jenseits davon, den globalisierten, unternehmensartigen Charakter der Technokultur zu kritisieren, versucht er ganz Oscar Wildes Leitsatz zu befolgen: "Die erste Pflicht im Leben ist es, so künstlich wie möglich zu sein."
Konkludierend kann ich nur sagen: lieber ein randy (engl: geil) denn ein Dandy Asshole.