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Textosteron | Merry X-Matz


Das Jahr geht zu Ende, es ist fast soweit -
so gönn dir ne Spende, trink Rum und sei breit.
Ein Gefühl dich beflügelt, beschwingt und beschwipst,
sobald du den güldnen Saft runterkippst.
Danach, zugegeben, fängst du langsam an
zu philosophieren - was nervig sein kann.
Es kriegt jeder sein Fett weg ~ nichts bleibt ungesagt;
holst aus zum Rundumschlag, provozierst sehr gewagt.
Pöbelst imputativ und voreingenommen
- jedwede Diskretion wird diskreditiert -,
hast den Olymp der Denunziation erklommen
und hämisch zu eigenem Antlitz posiert.
Wer jetzt überhaupt es noch gut mit dir meint,
während in lullig-lallige Larmoyanz du zerfließt,
haut dir in die Fresse ~ als Freund, nicht als Feind,
bevor du dich selbst mit Benzin übergießt.
Schon klar: Du bist am Unrecht der Welt zerbrochen,
wurdest meist missachtet, verkannt und verletzt;
die Alte fickt fremd, Autoreifen zerstochen -
und als Highlight beim Piercen den Pimmel verätzt.
Musst du denn jedweder Trendscheiße nacheifern,
dich mit Mittelmaß messen und angepasst sein?
Dem Beuteschema vor zwanzig Jahren nachgeifern
und Alcopops saufen, anstatt guten Wein!
Ja, du wirst halt nicht jünger, die Fasern erschlaffen,
hast dich nicht hoch-, eher nach unten geschlafen.
Der juvenile Jubel ist lange verstummt,
die Fassade bröckelt, du bist ausgepumpt.
Zäsur
Bis hier und nicht weiter, du debiler Depp!
Die Nudel al dente, auch der Arsch hat noch Pep.
Viel mehr als nur standhaft in Blüte und Saft,
was willst du noch hören, du Kuriosum an Kraft.
Ein stoischer Stecher, der im Bett kommt und steht,
ein stämmiger Stenz ~ an richtigen Rädern dreht.
ein launiger Luchs, der findige Fäden zieht,
ein Fuchs, der permanent angreift und niemals flieht.
Ein charmanter Bär, der vor lauter Güte schon trieft,
ein gewiefter Hund, der seinen Schwanz gern vertieft.
Ein liebender Vater, der beste der Welt,
ein fairer Partner, der sich an Abmachungen hält.
Ein Gewinner, der Verlust mit viel Würde trägt,
ein Frauenversteher,
der schwanzloses Gesindel nicht schlägt.
Ein Weichei, mit femalem Touch marmoriert,
ne süße Schwulette, in Tüll ausstaffiert...
Zäsur
Ich drifte hinfort ~ zum schwachen Geschlecht,
was stärker ist als jedes pralles Gemächt
auf diesem Erdball; für vollkommen sich hält,
verkommen zum winzigen Penis, der schwellt ~
und schwelgt in Ergüssen, sich häutet und pellt.
Verkümmerter Zipfel, nichts bleibt dir erspart;
musst leidlich ertragen, wenns feucht wird
und Spalte mit Spalte sich paart.
Nur nicht verzagen - versuch's mit Neustart.
Verwandle mich weiter und komme in Fahrt.
Meine Haut orangiert, es verschwindet der Bart.
Die Anzahl der Silben verdreifacht sich,
wüstes Weiber-Geschluder, einfach unglaublich.
Eine Gebärfalte tut sich zum Überfluss auf.
Ich laufe grad aus und schau fasziniert drauf.
Die Sache wird mir aus den Fugen geraten,
verspüre die Röhre und rieche den Braten.
Ich mutiere zur Frau, mein Becken wird breit.
Der Hügel, nach einem Planeten benannt,
versperrt jegliche Sicht auf die Männlichkeit;
oh Venus, fühl ich mich jäh ausgebrannt.
Zäsur
Es wär jetzt wohl an der Zeit, ein Gelübde zu leisten
und sich einfach aufs Fest zu freuen,
wie halt die meisten.
Dabei andächtig anständig Abstinenz auszuüben,
und nur leicht mit Absinth sein Resthirn zu trüben.
Aber das dann in regelmäßigen Schüben...


Gäbe es keine [ironischen] Sünder, gäbe es auch keine [Schein-]Heiligen.



Artwork: Claudio Cubano.